22. Dezember 2019 10:29

Kultur

"7 Fingers" im Zug: Zauberhafter Weihnachtszirkus in Graz

Abfahrt, Artistik, Abteil, Bahnsteig, Bewegungswitz, Begegnungen mit anderen Reisenden, Gepäckträger, Koffer, Kleider, Lichtgeschwindigkeit & Einstein, Slackline, Tuch & Trapez, wirbelnde, getanzte Poesie - das ist Reisen, wenn man sich mit den Kanadiern von "The 7 Fingers" auf eine nostalgisch-artistische Zugfahrt begibt. Die Premiere Samstagabend im Grazer Cirque Noel erhielt stehende Ovationen.

"The 7 Fingers" (Les 7 Doigts), die achtköpfige (franko)kanadische Truppe aus Montreal ist regelmäßig zu Gast beim Sommer-Straßentheaterfestival La Strada und hat auch schon 2017 die Generationen-Show "Reversible" im Rahmen des Cirque Noel gezeigt. Der Leitgedanke ihres Programmes heißt "Passagers": Reisende haben etwas gemeinsam, sie teilen Platz und Zeit, und alle müssen irgendwohin. Das Fortbewegungsmittel der Wahl ist die Bahn, die gute alte Eisenbahn, deren Bilder im Hintergrund der Bühne des Theaters in der Grazer Stadthalle schon eine eigene Geschichte erzählen.

Die drei Damen und fünf Herren schildern in elf Bildern, was Reisen auch sein kann und warum man das Ziel - zumindest während der eineinhalbstündigen Show - getrost am Bahnsteig zurück lassen mag. Sitzen sie zu Beginn noch auf ihren Zugsitzen der Holzklasse im Halbkreis und beginnen die Fahrt mit dem langsamen Fauchen und Schnauben der Dampflok, so wandelt sich die Szenerie schneller, als ein Schaffner "Fahrkarten bitte" zischen kann. Mit den Sesseln, Koffern, Rucksäcken, Gepäcktrolleys und Kleidern zaubern die Kanadier ein ums andere Mal Zugszenen, die sie in grandioser Körperbeherrschung bevölkern, zum Leben erwecken, miteinander flirten, streiten, die Zeit anhalten, beschleunigen.

Jeder der Acht spielt, singt oder tanzt eine Solonummer, so hinreißend leicht und wie nebenbei, als wäre es das Lesen einer Buchseite während einer Zugfahrt. Sie deklamieren auf Englisch, Deutsch, Spanisch und Französisch .... diese performenden Passagiere stellen ihre Akrobatik auf Höchstniveau nicht schwadronierend in den Vordergrund, sondern in den Dienst ihrer poesievollen Geschichte. Staunen, Verzaubertsein, Atemanhalten, Lächeln, Lachen wechseln einander ab. Die "Passagers" wandeln den Ernst einer Szene aus Jonglage, Tanz und Akrobatik mühelos und beinahe unbemerkt in eine kabarettistische Szene, dass man als Zuschauer fast zu spät schmunzelt.

Am Ende der über 90 Minuten währenden Geschichte sitzen die Acht plötzlich wieder im Halbkreis auf ihren Holzsesseln, die sie während ihrer langen Fahrt in unterschiedlichster Form begleitet haben - und ein letztes Mal, seufz, klingt das leise Schnaufen, Fauchen und Zischen der Lokomotive aus. In einer Erzählungen während der Show hieß es zum Wesen des Unterwegsseins: "Es gibt kein Ziel, keine Ankunft, keine Lösung..." Aber die Reise dabei ist wunderschön.

Der Cirque Noel zeigt noch zwei weitere Produktionen mit Premieren am 23. Dezember bzw. 2. Jänner. Nämlich die italienisch-schweizerisch-belgische Compagnia Baccala mit "Pss Pss" sowie den slowakischen Cirkus Younak.

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