18. Oktober 2019 04:00

Chronik

Apotheker für Versachlichung der Debatte um Lieferengpässe

In Österreich sind derzeit Hunderte Arzneimittel nicht verfügbar. Schuldzuweisungen zwischen Pharmaindustrie, Großhandel und Apotheken stehen auf der Tagesordnung. Die Apothekerschaft wünscht umfassende Gegenmaßnahmen. Jeder Marktteilnehmer sollte seinen Teil beitragen, stellten Apothekerkammerpräsidentin Ulrike Mursch-Edlmayr und Vizepräsident Christian Wurstbauer jetzt gegenüber der APA fest.

"Ich habe mir die Daten von einem der drei großen Pharmagroßhändler angesehen. Am 30. August waren 908 Arzneimittel nicht lieferbar. Am 3. Oktober waren es noch immer 807. Davon waren 754 rezeptpflichtige Arzneimittel. Von den 908 Ende August nicht verfügbaren Arzneimitteln waren Anfang Oktober 556 weiterhin nicht verfügbar. Das heißt, dass ist nicht kurzfristig, das geht über Monate", sagte Apothekerkammer-Vizepräsident Christian Wurstbauer.

In der Öffentlichkeit ist immer wieder die Rede davon, dass es sich bei den fehlenden Arzneimitteln häufig um hoch spezielle, zum Teil kompliziert zu produzierende High-Tech-Medikamente handle. Wurstbauer hat eine andere Situation erhoben: "Dies betrifft zumeist Massenarzneimittel. Und das löst bei den Patienten Verunsicherung aus. Bei ihm entsteht der Eindruck, dass der Arzt zu dumm ist, um ein erhältliches Arzneimittel zu verschreiben oder der Apotheker unfähig, es zu besorgen."

Die Zustände sind wohl erstaunlich für Österreich als eines der reichsten Länder der Erde und mit einem hoch entwickelten Gesundheitswesen. Ein Blick auf die buchstäblich "elendslange" Liste der medikamentösen Unerhältlichkeit in Österreich zeigt: Es handelt sich zum allergrößten Teil um Produkte aus synthetischer Produktion, also nicht um High-Biotech-Arzneimittel, die nur an einer oder zwei Standorten hergestellt werden: Wirksame Uralt-Blutdruckmedikamente (z.B. ein Betablocker), ebenfalls lang bewährte Cholesterinsenker, Cortisonsalben, Schmerzmittel etc.

Die Pharmaindustrie hat in diesem Zusammenhang auf den Export von für Österreich gedachten Arzneimitteln in Länder mit höheren Preisen durch Apotheker mit Großhandelskonzession bzw. Pharmagroßhändler verwiesen. Der neue Präsident des Verbandes der österreichischen Pharmaindustrie (Pharmig), Philipp von Lattorff, sprach gegenüber der APA von "Körbergeld", das sich Apotheker hier zum Nachteil der Arzneimittelversorgung in Österreich sicherten.

"Die Situation ist für alle Beteiligten, für die Industrie, den Großhandel, Apotheker, Ärzte und Patienten unangenehm", betonte Apothekerkammerpräsidentin Ulrike Mursch-Edlmayr. Es sei wohl kein Wunder, dass die einzelnen Marktteilnehmer versuchten, sich gegenseitig den sprichwörtlichen "Schwarzen Peter" zuzuschieben.

"In der Liste der nicht lieferbaren Medikamente ist nichts dabei, was aus Preisgründen exportiert würde", sagte Wurstbauer und widersprach damit der Einschätzung der Pharmaindustrie. Der Verkauf von Arzneimitteln aus Österreich nach Deutschland oder in andere EU-Staaten mit höheren Preisen zahle sich eben nur bei entsprechenden Preisdifferenzen aus. Das zeige die Aufstellung aber nicht. Und übrigens: "Der Verkauf von Arzneimitteln in andere EU-Staaten ist kein "Export". Das wäre nur der Verkauf in Drittländer. Und auf dem Binnenmarkt ist das normal, nichts Kriminelles oder Mafiöses."

Vor allem die entstandene Unruhe unter den Patienten, die sich rundum beschwert haben, ließ Politik und Verwaltung aktiv werden. "Bei der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES; Anm.) wurden drei Arbeitskreise zur Arzneimittel-Versorgungssicherheit eingerichtet. Einer befasst sich mit dem Brexit, auf den Österreich gut vorbereitet ist, der zweite mit den Lieferengpässen (Großhandel, Apotheker, Kliniken) und der dritte mit der Standardisierung von Rückrufaktionen im Fall, dass Probleme in der Produktion von Arzneimitteln auftreten", schilderte Ulrike Mursch-Edlmayr die Aktivitäten.

Diskutiert wird bei den Lieferengpässen auch die sogenannte Kontingentierung von Arzneimitteln durch die Pharmaindustrie. Hier gibt es aber zwei Kategorien. Wurstbauer: "Da existiert der Direktvertrieb von Arzneimitteln über Logistikunternehmen an die Apotheken ("Direct to Pharmac"y; Anm.). Es geht um die um die stückweise Anlieferung von Arzneimitteln, meist hochpreisige Medikamente. Da übt die Pharmaindustrie die Kontrolle aus."

Und dann gibt es noch rund 160 bis 170 Arzneimittel, die ebenfalls kontingentiert, aber durch einen eventuellen Export in ihrer Erhältlichkeit in Österreich "gefährdet" sind. "Sie sind verfügbar. Es kann aber sein, dass der Patient darauf eventuell ein bis zwei Tage warten muss", sagte Wurstbauer.

© APA