16. Oktober 2019 12:19

Kultur

Az W beleuchtet mit neuer Ausstellung "blinden Fleck"

Einen "massiven blinden Fleck in der Kultur- und Architekturgeschichte Österreichs" behandelt das Architekturzentrum Wien (Az W) in seiner neuen Ausstellung, die Direktorin Angelika Fitz am Mittwoch bei der Pressekonferenz vorstellte. In "Kalter Krieg und Architektur" hat Kuratorin Monika Platzer aufgearbeitet, "wie massiv die Siegermächte Wirtschaft und Kulturpolitik beeinflussten".

Bereits im Eingangsbereich der Ausstellung bietet ein Modell von Wien einen Überblick über die Aufteilung der Stadt zwischen 1945 und 1955. Die Farbgebung - rot für Russland, gelb für die USA, blau für Frankreich und grün für Großbritannien - zieht sich nicht nur durch die einzelnen "Zonen" der Schau, sondern findet sich auch auf dem Cover des Ausstellungskatalogs wieder, den man sich je nach Präferenz in der bevorzugten Farbe aussuchen kann.

"Wie soll die Welt nach 1945 aussehen?" Die unterschiedlichen Antworten der Siegermächte auf diese Frage spiegelten sich auch in den jeweiligen Vorstellungen von Architektur und Stadtplanung wieder. Während die Briten zwischen westlichem Turbokapitalismus und russischem Kommunismus einen "dritten Weg" des demokratischen Wohlfahrtsstaats verfolgten und städtebaulich auf eine "gegliederte und aufgelockerte Stadt" setzten, zeigen die in der Schau präsentierten Pläne, wie die Amerikaner den "American Way of Life" auch hierzulande baulich etablieren wollten. In Wien-Hietzing entstand eine von Carl Auböck und Roland Rainer geplante Mustersiedlung, die das Recht auf ein Eigenheim in Opposition zum Wiener Mietshaus propagierte.

Wie auch die anderen Besatzungsmächte etablierte Russland Informationszentren, in denen Themen wie die Aufbauleistungen der UdSSR mit ihren technischen Errungenschaften an die österreichische Bevölkerung vermittelt werden sollten. Während sich die Österreichisch-Sowjetische Gesellschaft in Wien-Favoriten befand, betrieb man im Volksbildungshaus Margareten ein Kino, in Wieden befand sich die Schule für Kinder sowjetischer Besatzungssoldaten. Frankreich wiederum setzte auf die Betonung von Gemeinsamkeiten der Kulturnationen Frankreich und Österreich, das offizielle Wien zeigte sich jedoch den planerischen Ideen Le Corbusiers - der 1948 in Wien zu Gast war - kritisch gegenüber, wie es in der Ausstellung heißt.

Gemeinsam ist den Besatzungsmächten ihre starke Präsenz im Ausstellungs- und Messebereich: Die Londoner Stadterweiterungspläne konnten in einer Schau im MAK - Museum für angewandte Kunst nachvollzogen werden, die USA waren mit den Ausstellungen "Architektur der USA seit 1947" und "Moderne Kunst aus USA" in Wien präsent. Auf der Wiener Herbstmesse von 1957 kam es dann zu einer direkten Gegenüberstellung, als die USA ihren Pavillon in direkter Nachbarschaft zum bereits 1952 erbauten "Pavillon der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken" errichteten.

Ergänzt wird die Ausstellung im Az W von einer transnationalen Zusammenschau, die die CIAM-Austria (Internationale Kongresse Moderner Architektur) und die Internationalen Hochschulwochen (heutiges Forum Alpbach) in den Blick nehmen. Flankierend bietet eine Zeitleiste einen Überblick über die Geschehnisse im Kalten Krieg, Faksimiles von Zeitschriften wie "Der Aufbau" oder "Die Brücke" geben Einblicke über die damals geführten Diskurse in Architektur und Stadtplanung. Unter dem Titel "Cold Transfer" lädt man am 24. und 25. Jänner 2020 zu einem Symposium, bei dem die Entwicklungen in der baulichen Praxis und deren gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Österreich, der Schweiz und Deutschland in den Blick genommen werden.

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