22. Oktober 2019 15:02

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Bewegende Biografie eines Rappers: "Armutssafari"

Vom obdachlosen Junkie zum erfolgreichen Rapper und Schriftsteller. Darren McGarvey alias Loki erzählt in "Armutssafari - Von der Wut der abgehängten Unterschicht" seine ungewöhnliche Lebensgeschichte, eine brisante Nahaufnahme aus der Welt der Abgehängten.

"Ich weiß, dass über die Armut größere Bücher geschrieben wurden als meins. Ich habe bloß keins davon gelesen", schreibt Darren McGarvey gleich zu Beginn seines Buches, bewusst kokettierend mit seinem Image eines Underdogs. Denn wie schwer ihm, dem Unterschichtenkind, der Zugang zur Literatur fiel, das erzählt er ausführlich in der Einleitung: "Irgendwann einmal traf ich die Entscheidung, dass große Bücher nur für ganz bestimmte Leute da seien - für Leute, die schnieke Schulen besuchten, in schnieken Häusern wohnten, einen schnieken Akzent sprachen und schniekes Essen aßen."

Und nun hat ausgerechnet er, auf den nichts von alldem zutrifft, ein dickes Buch verfasst. Und es ist auch noch ein richtig gutes Buch geworden, auf Anhieb ein Bestseller. Darren McGarvey (35) alias Loki ist in Großbritannien ein bekannter Rapper und Performancekünstler. Als treusorgender Familienvater lebt er heute eine beinahe bürgerliche und sehr erfolgreiche Existenz. In seinem ersten Leben aber war er ein Junkie, Alkoholiker und Obdachloser.

McGarvey wuchs in dem Glasgower Problemviertel Pollok auf, in dem die meisten Jugendlichen von Beginn zu den Losern gehören. Davon handelt sein Buch "Armutssafari", für das er den Orwell Prize 2018 bekam. Das Buch, das jetzt auf Deutsch vorliegt, erschüttert durch seine unglaubliche Intensität und seine bedrückenden Nahaufnahmen aus der Welt der Abgehängten. Über die persönliche Geschichte hinaus ist "Armutssafari" ein Sinnbild des politischen Scheiterns: Die gesellschaftliche Spaltung in Großbritannien ist in den letzten Jahren nicht etwa kleiner, sondern größer geworden und die sozialen Verwerfungen erklären mit, warum das Land in das Brexit-Desaster schlitterte.

Für die allermeisten Leser erscheint "Armutssafari" wie eine Reise in ein fernes Land, in eine Welt, die von Angst und Gewalt regiert wird. Armut, das ist die Kernaussage des Buchs, bedeutet vor allem Stress. Es ist der alltägliche Stress, über die Runden zu kommen, aber auch der Stress, ständig auf der Hut sein und Gefahren abwehren zu müssen, die von Nachbarn, Mitschülern und sogar der Familie ausgehen. Wie fühlt es sich etwa an als Kind, wenn die eigene Mutter die größte Bedrohung ist?

McGarveys Mutter, eine drogensüchtige unberechenbare Alkoholikerin, hält ihrem Sohn eines Tages ein Brotmesser an die Kehle. Prügeleien und Messerstechereien drohen dem Burschen auch auf der Straße, auf dem Schulhof oder auf der Busfahrt, eigentlich überall. Der Junge lernt, sich dem Faustrecht der Straße anzupassen und entwickelt einen siebten Sinn. Später flieht er vor dem Stress in Drogen und Alkohol - nur hier findet er noch Entspannung. Wegen seiner Aggressionen muss er zur psychologischen Behandlung. Erstmals kommt er so in die Innenstadt von Glasgow und erlebt einen Schock - die Welt der wohlsituierten Bürger, sauber, ordentlich, angstfrei: "Ich hätte niemals gedacht, dass ein so entspannter Ort überhaupt existieren könnte - vor allem in Glasgow." Aus dem Gefühl der "gerechtfertigten Wut" und Ohnmacht wird für ihn die Mittelklasse zum perfekten Sündenbock. Die meisten Armen allerdings verfallen eher in Apathie, denn sie fühlen sich von vornherein von jeglicher gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen.

Nun könnte man meinen, dass ein Mann mit einer solchen Lebensgeschichte sein Buch als politisches Fanal versteht, als Aufruf zum Kampf gegen die Armut und Überwindung schreiender Klassengegensätze. Doch dem ist nicht so. Zwar fühlt sich McGarvey durchaus der Linken zugehörig, doch kritisiert er deren einseitige Schuldzuweisung. "Wenn ich noch einen weiteren Kommentar über den Neoliberalismus als Wurzel all unserer Probleme lese, fange ich wieder an zu trinken", wütet er.

Etwas überraschend kommt am Schluss sein Credo, dass jeder Mensch, also auch der Arme und Abgehängte, eine Verantwortung für sein eigenes Leben trägt und sich selbst aus dem Sumpf ziehen muss. Eine etwas moralinsaure Quintessenz des erfolgreichen Künstlers, die ihm Gegensatz zur ersten Hälfte des Buches steht.

© APA