12. Januar 2020 09:19

Kultur

Chicago Symphony Orchestra gastiert in Wien

Oper, die keine ist, könnte man als Motto über das Gastspiel des Chicago Symphony Orchestra schreiben, das am Samstagabend im Wiener Musikverein begonnen hat. Das US-Toporchester spielte unter seinem Chefdirigenten Riccardo Muti zum Auftakt ein psychologisches Triptychon aus Opernfragmenten von Wagner, Hindemith und Prokofjew und setzt zu Wochenbeginn mit Verdis opernverwandtem Requiem fort.

Da schillert das Metall im Goldenen Saal: Nicht der Goldbelag an Stuck und Wänden, sondern das Blech, für dessen prachtvollen Sound dieses Orchester zurecht weltbekannt ist. Von den ersten Takten des dunkel-verheißungsvollen Holländermotivs in Richard Wagners "Holländer"-Ouverture, über die gespenstischen Abgesänge im Finale von Hindemiths "Mathis der Maler" bis zu den satanischen Akkorden im grellen Schlusslicht von Prokofjews dritter Symphonie setzt das Programm die Blechbläsergruppe ideal in Szene. Flankiert von einem großen Apparat punktgenau agierender, den Klangcharakter aber wenig prägender Streicher und von eher zurückhaltendem Holz, kommen die hellhörig machenden Akzente hier stets aus der hintersten Reihe.

Die beiden Symphonien sind zwillingshafte Kreationen: Fast gleichzeitig arbeiteten die Zeitgenossen Hindemith und Prokofjew an einer Oper, beide über das Schicksal eines Besessenen - ein Künstler und ein religiöser Eiferer - , beide für eine Uraufführung in Berlin, die bei beiden nicht zustande kam. Beide destillierten aus ihrem jeweiligen Werk stattdessen eine symphonische Zusammenschau der zentralen Motive. Die ebenso wesensverwandten, in der jeweiligen Genialität der Instrumentierung und Dramaturgie aber völlig unterschiedlichen Stücke in einem Konzert zusammenzuspannen, ist ein erhellendes - wenn auch etwas kopflastiges - Unterfangen.

Muti, Operndirigent durch und durch, arbeitet sich bei Wagner - auch der Holländer ist eine einsame, besessene Figur - und bei Hindemith mit gewohnter Geschmackssicherheit, aber ohne besonderen Verve durch die verschiedenen Aufbäumungen und Zerreißproben des Psychodramas. Erst bei Prokofjew gewinnt der Abend an Zug, erwacht das Konzeptionelle zu echtem, mitunter auch brutalem Leben und entsteht ein packender, großer Orchestergestus.

Am Montag und Dienstag gibt Muti mit seinen Musikern aus Chicago - er ist bereits seit zehn Jahren Chefdirigent in der US-Metropole - im Musikverein auch noch das Verdi-Requiem, für dessen Einspielung man in derselben Aufstellung mit einem Grammy bedacht wurde. Der zweite Requiem-Termin - noch so eine Oper, die keine ist - wird dem Andenken an den Ende November verstorbenen Mariss Jansons gewidmet sein. Einen anderen guten Dirigentenkollegen ehrte Muti mit einer kleinen Verbeugung vor der Zugabe: Valery Gergiev, der dieser Tage philharmonische Konzerte im Musikverein leitet, lauschte am Balkon.

Muti selbst wird man hierzulande in den kommenden Monaten oftmals erleben können: Im März leitet er das 8. Abonnementkonzert der Philharmoniker, im Mai gestaltet er gemeinsam mit seiner Tochter Chiara als Regisseurin eine neue "Cosi fan tutte" an der Staatsoper und im August bringt er mit den Philharmonikern drei Mal Beethovens Neunte zu den Salzburger Festspielen. Und natürlich: Das Jahr 2021, in dessen Sommer der 80. Geburtstag des Maestro fällt, wird er in diesem Goldenen Saal beginnen, wenn er zum bereits sechsten Mal das Neujahrskonzert leitet.

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