14. März 2020 20:50

Chronik

Coronavirus: Heiligenblut unter Quarantäne gestellt

Die Kärntner Gemeinde Heiligenblut steht wegen der Corona-Epidemie bis 29. März unter Quarantäne. Das teilte die Bezirkshauptmannschaft Spittal an der Drau am Samstag mit. Ausländische Gäste dürfen aus dem Skigebiet abreisen, für Österreicher ist die An- und Abfahrt gesperrt. In ganz Österreich sind mittlerweile mehr als 650 Menschen positiv auf das neuartige Coronavirus getestet worden.

Laut Gesundheitsministerium wurden bisher rund 7.467 Personen auf eine Infektion untersucht. Die meisten Fälle hat Tirol (221), Oberösterreich (116), Wien (101), Niederösterreich (82), Steiermark (82), Salzburg (30), Burgenland (10), Vorarlberg (34) und Kärnten (fünf). Eine Person ist bisher verstorben, als genesen galten sechs.

Völlig überrascht von den Quarantäne-Maßnahmen in Heiligenblut zeigte sich Bürgermeister Josef Schachner: Es habe "keine Kommunikation" gegeben, er habe selbst erst am Samstag von den Maßnahmen erfahren. "Ich hoffe nicht, dass das Willkür ist", meinte er gegenüber der APA. In der Gemeinde wurden zwei Personen positiv auf das Virus getestet, denen gehe es aber gut, so der Bürgermeister.

Die Lage ist auch nach Bekanntwerden der Quarantäne am Samstag ruhig gewesen. Wie Bezirkshauptmann Klaus Brandner auf APA-Anfrage mitteilte, gab es "überhaupt keine Probleme" mit der Abreise der Urlauber. Von den 300 Gästen seien rund 200 aus dem Ausland, die großteils bereits weggefahren seien. Die abreisenden Urlauber mussten ihre Daten angeben und bestätigen, dass sie sich unverzüglich auf den Heimweg machen und bei ihren Heimatgemeinden melden.

Der Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) verteidigte die Abschottung der Gemeinde Heiligenblut. "Damit wird von Behördenseite ein notwendiger Schritt gesetzt, um die Bevölkerung vor der Ausbreitung des Coronavirus zu beschützen", sagte er auf Anfrage der APA.

Es sei über Nacht notwendig geworden, eine weitere Gemeinde unter Quarantäne zu stellen, nämlich Heiligenblut, erklärte Bundeskanzler Sebastian Kurz am Samstagvormittag. "Wir gehen sehr stark davon aus, dass es nicht nur ein Zentrum in Österreich gibt, sondern durchaus mehrere, wo es erste Ansteckungen mit Corona gegeben hat." In den meisten Fällen seien die Anstreckungen ursprünglich auf direkten Kontakt zu Italienern zurückzuführen, was vor allem Touristengebiete betreffe. Es gebe zwar besondere Hotspots, aber es sei davon auszugehen, dass nicht nur diese Orte betroffen seien.

"Diese Krise wird für viele Menschen Krankheit, Leid und für einige auch den Tod bedeuten", daher müsse man jetzt alles tun, was notwendig sei, um eine Ausbreitung einzudämmen oder zumindest zu verlangsamen. Neben den Orten Ischgl, Kappl, See, Galtür und St. Anton am Arlberg ist nun auch Heiligenblut isoliert. Wer seit 28. Februar in diesen Gemeinden war, müsse sich häuslich isolieren. "Das gilt auch für alle Menschen, die mit diesen Personen Kontakt hatten, insbesondere für Menschen, die mit diesen Personen zusammenleben oder viel zu tun haben."

Die aktuellen Maßnahmen, also die geordnete Abreise ausländischer Gäste und die Anordnung, dass alle anderen Menschen in Heiligenblut in ihren Häusern und Quartieren bleiben sollen, seien auf dringende Empfehlung des diensthabenden Amtsarztes beschlossen worden. Die Versorgung der Bevölkerung sei "auf allen Ebenen" jedenfalls gewährleistet.

Aus den isolierten Tiroler Orten im Paznauntal sowie St. Anton am Arlberg sind inzwischen die meisten der ausländischen Gäste bereits abgereist. Jene Touristen, die am Samstag mit dem Flugzeug abreisen, werden gesammelt mit zwei Reisebussen im Laufe des Tages zum Flughafen Innsbruck transportiert, hieß es von der Polizei.

Noch bis 01.00 Uhr in der Nacht hatte sich ein rund 14 Kilometer langer Stau bei der Ausfahrt des Paznauntales gebildet, sagte Polizeipressesprecher Bernhard Gruber gegenüber der APA. Seither gäbe es nur mehr "mäßigen Verkehr". Die Situation sei in der Nacht "relativ ruhig" geblieben, berichtete Gruber. Im Paznauntal wurden von der Polizei drei Checkpoints eingerichtet, an denen die Ausreisenden kontrolliert werden, in St. Anton gibt es einen Checkpoint.

Die Coronavirus-Fälle mit Bezug zu den isolierten Gebieten in Tirol steigen indes weiterhin an: Im Laufe des Freitagabend bzw. seit Samstagfrüh wurden weitere 21 Menschen positiv auf das Virus getestet, die in direktem Zusammenhang mit dem Paznauntal und St. Anton stehen. Unterdessen richtete die Leitstelle Tirol unter "corona.leitstelle.tirol" einen Online-Fragebogen ein, der zur Einstufung von Verdachtsfällen dient. Nach dieser Abklärung wird gegebenenfalls dazu geraten, die Gesundheitsberatung unter der Nummer 1450 anzurufen.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) und Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) haben alle, die sich seit 28. Februar in den betroffenen Regionen Paznauntal, St. Anton am Arlberg und Heiligenblut aufgehalten haben, dringend aufgefordert, sich in häusliche Selbstisolation zu begeben. Das betrifft konkret Aufenthalte in den Gemeinden Ischgl, Kappl, See, Galtür, Heiligenblut und St. Anton am Arlberg. Auch alle, die Kontakt mit Personen hatten, die in den Regionen waren, sollten sich ebenfalls selbst isolieren.

Viele Skandinavier dürften sich beim Skiurlaub in Österreich mit dem Coronavirus angesteckt haben, ein guter Teil von ihnen wohl in Ischgl mit dem Hotspot der Bar "Kitzloch". Für Dänemark und Norwegen ist Österreich Haupt-Quell-Land, zusammen mit Schweden gibt es über 1.000 solcher Fälle. Tirol wies vereinzelte Kritik an späten Maßnahmen zurück: Man habe sofort nach Vorliegen gesicherter Daten reagiert.

Was den Hotspot Ischgl betrifft, wurde am Samstag, 8. März, bekannt, dass der Test eines Barkeepers im "Kitzloch" - ein 36-jähriger Deutscher mit norwegischem Namen - positiv ausfiel. Die Gesundheitsbehörden hätten umgehend Erhebungen über seine Kontaktpersonen aufgenommen. Sofort, nachdem man feststellte, dass mehrere Besucher der Bar Symptome zeigten, sei - am 10. März - das Apres-Ski-Lokal geschlossen worden. Am 12. März wurde verkündet, dass das Skigebiet Ischgl vorzeitig geschlossen wird, schilderten Sprecher des Landes den Ablauf.

Am selben Tag wurde entschieden, dass im gesamten Land Tirol die Wintersaison vorzeitig endet, ab Montag sind die Beherbergungsbetriebe behördlich geschlossen. Und seit gestern sind das gesamte Paznauntal und auch St. Anton Quarantäne-Sperrgebiet.

Dass sich nicht nur einige getestete Norweger (am 6. März waren es vier in Tirol), sondern auch viele andere Skandinavier beim Skiurlaub im Paznauntal angesteckt haben, zeigte sich erst im Lauf der Woche nach ihrer Abreise - weil sie erst daheim getestet wurden. Wie schwierig es sein kann, Ansteckungsketten genau zurückzuverfolgen, sieht man am Fall einer isländischen Reisegruppe, die am 8. März heimreiste. Sie berichtete, dass laut Fluglinie im Flieger München-Rejkjavik auch ein infizierter Italiener saß.

Die Tiroler Gesundheitsbehörde hatten die Isländer umgehend kontaktiert, nachdem sie vom positiven Test eines isländischen Ischgl-Rückkehrers erfuhren. Island hatte schon am 5. März Ischgl zum Risiko-Gebiet erklärt und alle Reisenden, die ab 29. Februar heimkamen, unter Quarantäne gestellt.

In Dänemark haben sich mit Stand Freitag 265 der 785 Erkrankten hiezulande angesteckt. Norwegen wies am Samstag 459 (von 907 Gesamtfällen im ganzen Land) erkrankte Österreich-Urlauber aus. In Dänemark erklärt man späte Testungen von Heimkehrern auch damit, dass am Rückreisetag (das war Samstag, der 8. März) Ischgl und andere Skiorte noch nicht als Hochrisiko-Gebiete deklariert waren. In Schweden brachten (mit Stand Freitag) 18 Prozent der Infizierten - 137 von 775 - laut Gesundheitsbehörde die Erkrankung aus Österreich mit.

Da auch Deutsche gerne in Tirol winterurlauben, gibt es z.B. in Hamburg ebenfalls ein Cluster infizierter Heimkehrer. Wie von der Hansestadt angeregt, hat das Robert-Koch-Institut mittlerweile auch das Land Tirol (neben der spanische Hauptstadt Madrid) zum Risikogebiet erklärt.

In Niederösterreich hat es am Samstag 19 neue Coronavirus-Fälle gegeben. Sie stammen laut dem Sanitätsstab aus folgenden acht Bezirken: Tulln (sieben), Mistelbach (drei), Bruck a.d. Leitha, Korneuburg und St. Pölten-Land (je zwei) sowie Mödling, Baden und Lilienfeld (je eine Person). Von 897 getesteten Verdachtsfällen waren 82 - nach 63 am Freitag - positiv. 89 waren noch in Prüfung und daher offen. Darüber hinaus sei eine Person genesen, teilte der Landespressedienst mit. Nicht bestätigt hat sich der Verdacht bei einem Soldaten in der Bundesheer-Kaserne in Horn. Die Quarantäne für 223 Soldaten wurde aufgehoben.

Die österreichischen Botschaften und Konsulate stellen angesichts des Kampfes gegen den Coronarvirus weltweit mit sofortiger Wirkung den Visabetrieb ein. "Dies ist eine weitere Maßnahme zur Eindämmung des Coronavirus durch Vermeidung nicht notwendiger Reisebewegungen", hieß es in einer Mitteilung des Außenministeriums.

Die Wiener Polizei setzt strikte Maßnahmen aufgrund des Coronavirus und der Empfehlung, soziale Kontakte auf ein Minimum zu beschränken: Ab sofort wird der Parteienverkehr eingeschränkt. Diese Maßnahme gilt "bis auf Widerruf", teilte die Wiener Polizei am Samstag in einer Aussendung mit. Ausgenommen davon sind notwendige polizeiliche Amtshandlungen und die Aufnahme von Strafanzeigen.

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