9. Januar 2020 06:29

Kultur

"Das Werk" von Jelinek im Wiener Kosmos Theater

Eine stark ironisierte Germanisten-Diskussion über Elfriede Jelineks Werk als Auftakt zu Elfriede Jelineks Stück "Das Werk". Geht das? Alles ist möglich im szenischen Umgang mit den Texten der Nobelpreisträgerin - sofern man allerdings Ideen nicht überstrapaziert und rechtzeitig die nötige Ernsthaftigkeit einfließen lässt. Genau deswegen überzeugt die Neuproduktion im Kosmos Theater nicht restlos.

Im Jahr 2000 wurde der kosmos.frauenraum in Wien mit einer Rede von Elfriede Jelinek eröffnet. Das Jubiläumsjahr, in dem der 20. Geburtstag des "Theaters mit dem Gender" gefeiert wird, hat das nunmehrige Kosmos Theater am Mittwoch mit Jelineks 2003 durch Nicolas Stemann im Akademietheater uraufgeführten Kaprun-Stück begonnen. Der Gletscherbahnbrand im November 2000 mit 155 Toten war für die Autorin Ausgangspunkt, u.a. an die 160 Toten - viele von ihnen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene - beim Kapruner Staudammbau zu erinnern. Der Umgang der Gesellschaft mit ihren Toten ist das vage Zentrum, um das der Text kreist, der auch die Anschläge des 11. September 2001 streift.

Die 34-jährige Schweizer Regisseurin Claudia Bossard, die jüngst am Grazer Schauspielhaus Dürrenmatts Komödien-Klassiker "Die Physiker" mit vielen eigenen Ideen und einer durchgängigen Cross-Gender-Besetzung aufmischte, hat ihre eigene Jelinek-Annäherung zum Ausgangspunkt ihrer Inszenierung gemacht: den akademischen Diskurs. Jelineks aus vielen Quellen gespeiste Texte sind schließlich ein Leckerbissen für die Theater- wie die Literaturwissenschaft. So setzt sie auf der diesmal um 90 Grad gedrehten Bühne zunächst einmal Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Tamara Semzov und Wojo van Brouwer als mit neuen Bergschuhen ausstaffierte germanistische Talkrunde rund um einen Couchtisch.

Assistiert von "Butler" Lukas David Schmidt und fasziniert von der eigenen Intelligenz verbreitet man sich lange über das "subversive Potenzial" von oder die "Essensmetaphern" in Jelineks Werk, ehe man die Buchausgabe von Jelineks Alpen-Trilogie zur Hand nimmt und manche schlaue Sätze daraus zitiert. Der Umstieg vom Literatur-Kabarett in die ernsthafte Auseinandersetzung mit den komplizierten Motiv-Verschränkungen und Sprach-Verschraubungen der Autorin klappt jedoch nur bedingt. Zwar sorgen computeranimierte Projektionen auf der Rückwand, bei denen ein Alpenpanorama ins Rutschen gerät und das Kreuzfahrtschiff "Harmony" mehrfach den Kapruner Stausee zu queren scheint, für Abwechslung, doch prägt den knapp zweistündigen Abend zunehmend eine gewisse szenische wie textliche Beliebigkeit.

Die gelegentliche Bespielung einer angedeuteten Staudamm-Baustelle, zwei zum Besten gegebene Lieder, eine missglückte Rede in Anwesenheit des Bundespräsidenten oder das Aufstellen griechischer Säulen lenken letztlich eher ab als zu fokussieren. Gespenstisch wird es nur manchmal - wenn etwa Rauch aus dem Tunnel der Standseilbahn zu dringen scheint oder am Ende in Zeitlupe immer und immer wieder Gebäudesprengungen gezeigt werden. Eigene Sprengkraft entwickelt diese Jelinek-Neuinszenierung allerdings keine. Vom Premierenpublikum gab's dafür dennoch lange anhaltenden wohlwollenden Applaus.

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