1. November 2019 11:55

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"Dohnal"-Regisseurin: "Viele haben sie vereinnahmt"

Sabine Derflinger setzt der 2010 verstorbenen SPÖ-Frauenikone Johanna Dohnal mit ihrem Dokumentarfilm "Die Dohnal" ein Denkmal. Mit der APA sprach die Oberösterreicherin aus Anlass der Premiere am Freitag ihres Werks bei der Viennale über die Vereinnahmung der Frauenpolitikerin, das Leuchten einer Ikone und die Frage, weshalb eine feministische Frau in unserer Gesellschaft kein Idol werden kann.

APA: Stand für Sie von Beginn fest, dass Ihr Projekt über Johanna Dohnal ein Dokumentar- und kein Spielfilm werden würde?

Derflinger: Ich habe anfangs darüber nachgedacht, aber die Entscheidung war dann schnell klar. Einen Spielfilm kann man jetzt immer noch machen. (lacht) Ich schätze an "Die Dohnal" vielleicht am meisten, dass man sie eben nicht nachgespielt sieht, sondern authentisch erlebt anhand des Originalmaterials. Es ist toll, dass man nicht nur andere Menschen dabei beobachtet, die etwas über sie erzählen, sondern dass man ihr zuschauen kann, wie sie argumentiert, weil es so viel Material gibt. Unabhängig von der emotionalen Befindlichkeit, die man ihr gegenüber hat, erfasst man ihr politisches Handeln.

APA: Als Person bleibt Johanna Dohnal hingegen auch nach Ihrem Film eher ungreifbar...

Derflinger: Wie soll ich einem Menschen nahekommen, den ich nicht erlebe? Wie macht man einen Film über jemanden, der nicht mehr da ist? Es interpretieren dann notwendigerweise andere, wie jemand war. Und das wollte ich dadurch vermeiden, dass meine Interviewpartnerinnen im Film eigentlich nur erzählen, welche Bedeutung Johanna Dohnal für ihr eigenes Leben hatte. Es ist ein Film über ihr Wirken und ihre politische Leistung. Viele Menschen haben sie vereinnahmt - die, die sie geliebt haben, aber auch die anderen. Ein Mensch wie Johanna Dohnal ist dann kollektives Eigentum.

APA: Zugleich belassen Sie es nicht bei der historischen Perspektive, sondern erweitern diese bis zu heutigen Fragen des Feminismus...

Derflinger: "Die Dohnal" sollte kein Erinnerungsstück werden. Es ist ein Problem im Feminismus, dass es Erinnerungslücken gibt und die Frauen das Gefühl haben, sie müssten immer wieder von vorne beginnen. Die Menschen wissen oft nicht, was Frauen in der Geschichte geleistet haben. Diese Lücke zu schließen, das war mir total wichtig. Für mich stand das Phänomen Dohnal im Mittelpunkt. Aber es ging mir nie darum zu sagen: Diese Frau war ein Phänomen, die in Öl an die Wand gehört.

APA: Eigentlich hätte Johanna Dohnal doch die idealen Voraussetzung für eine Legende: Große Erfolge, streitbare Persönlichkeit, tragisches berufliches Ende. Weshalb ist sie dann doch in Vergessenheit geraten?

Derflinger: In einer Welt, in der die Gleichberechtigung nicht für alle selbstverständlich ist, wird eine feministische Frau keine Ikone. Da müsste sie ein Boxer, Skiläufer oder Fußballer sein. Wenn die Gleichberechtigung in der gesellschaftlichen Mitte keine Rolle mehr spielt, werden diese Menschen keine Idole. Das hat viel mit der Entwicklung des Neoliberalismus und dem Abstieg der Sozialdemokratie zu tun, die nicht mehr weiß, wo sie hinwill. Die Sozialdemokratie hat sich in ihrem Programm immer das Recht der Frauen auf die Fahnen geheftet. Aber das ist halt der Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Wenn es dann um den gemeinsamen Topf geht, hieß es schnell: Der Mann muss das Geld verdienen.

APA: Hätte eine Politikerin vom Schlag Johanna Dohnals in der heutigen Parteienlandschaft noch Chancen?

Derflinger: Ich glaube schon. Jemand der sich nicht kaufen lässt, tatsächlich inhaltlich argumentiert und nicht korrumpierbar ist, wäre erfolgreich. Es braucht kein Herumeiern, sondern Klarheit. Diejenigen, die sich ohnedies nicht für die allgemeine Gerechtigkeit einsetzen, denen verzeiht man auch, wenn sie korrupt sind. Bei denjenigen, die etwas anderes vorgeben, ist das hingegen anders.

APA: Hat sich durch die Arbeit an "Die Dohnal" Ihre persönliche Einstellung zu den Fragen der Frauenbewegung geändert?

Derflinger: Mir sind viele Zusammenhänge um vieles klarer geworden. Ich weiß die Dinge nun mit jeder Pore meines Körpers. Ich habe lange an der Frauenfront gekämpft und war etwa die erste Frau in Österreich, die einen "Tatort" gedreht hat. Aber das Zusammendenken von Frauenpolitik und Gesellschaftspolitik, das Johanne Dohnal immer hervorgehoben hat, sehe ich nun deutlicher. Hausarbeit und Pflege sind kein privates Vergnügen, sondern unbezahlte Arbeit! Wenn das nur ein Teil der Gesellschaft übernimmt, ist etwas in Schieflage.

APA: Den Eindruck beim Blick auf die Dohnal-Jahre, dass zugleich unheimlich viel erreicht wurde, hatten Sie nie?

Derflinger: Es wurde wahnsinnig viel erreicht, wenn man etwa das Thema der Gewalt gegen Frauen betrachtet. So wie die Diskussionsteilnehmer damals zur Vergewaltigung in der Ehe gesprochen haben, könnte man heute nicht mehr reden. Da hat sich viel verändert.

APA: Ihr Film ist eine klare Heldinnensage. Sie wollten bewusst negative Seiten, Stimmen der Gegner aussparen?

Derflinger: Eindeutig! Man kennt sie ja nicht mehr. Soll ich die Ikone zerstören, bevor sie zu leuchten beginnt?! Wenn es eines Tages 30 Filme über Johanna Dohnal gibt, kann man das machen. Aber das Bedürfnis hatte ich nicht.

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