27. November 2018 08:21

Kultur

"Dornröschen" als immersives Klang- und Raumexperiment

Insektengezirpe, Vogelgezwitscher, exotische Pflanzenwelt: Der Dschungel Wien scheint in seiner neuen Produktion seinem Namen gerecht zu werden. Michael und Nora Scheidl von der Gruppe Netzzeit haben für Wien Modern "Dornröschen" als immersives Klang- und Raumexperiment umgesetzt. Mit den Gebrüdern Grimm oder dem hier sonst gepflegten Kinder- und Jugendtheater hat das freilich nichts mehr zu tun.

"Gestochen und weg." führt weit weg von betulichen Märchenstunden hin zu einer Auseinandersetzung mit inhaltlichen Bezügen des Stoffes, mit Urtexten, Urängsten und Urinstinkten. 100-jähriger Schlaf als 50-minütiger Psycho-Trip, bei der Musik als Droge wirken soll. Zwischen zwei mit Stoffbahnen bespannten Bühnen, die als Musikpodien und Projektionsfläche dienen, ist ein flauschiger rosa Teppich aufgelegt, auf dem sich das Publikum (Schuhe ausziehen!) setzen oder legen kann. Obwohl Nora Scheidl mit ihrem Raum alles unternimmt, zum Liegen und Lauschen zu animieren, fällt das Loslassen gar nicht einfach. Denn das Konzept dieser eigenwilligen Musiktheater-Uraufführung ist kompliziert.

Die Autorin Ann Cotten hat einen Text geschrieben, der von Christian Reiner als gespenstischer, durch den Raum irrlichternder, die Handbewegungen am Spinnrad offenbar wie einen Tick verinnerlicht habender Erzähler rezitiert wird. Nur bruchstückhaft bekommt man mit, dass es sich dabei um eine hochkomplexe Auseinandersetzung mit der Gegenwart handelt, ein Innehalten im Getriebe: "100 Jahre Schlaf - ein besonderes Geschenk. Wer möchte das nicht?" Dazwischen legt das Ensemble Airborne Extendend auf Harfe, Flöten, Virginal (ein kleines Cembalo) und Spinettino von Elisabeth Schimana komponierte, irritierende Klangteppiche.

Im Hauptteil des kurzen Abends legen sich die Musikerinnen ebenso wie der Erzähler schlafen. Dann bekommt man einen Sound zu hören, in dem sich Naturgeräusche mit der Klangkulisse von Maschinenhallen zu verbinden scheinen - eine Erinnerung daran, dass aus dem in seinem Schloss-Kämmerchen spinnenden einsamen Mädchen eine ganze, ausbeuterische Industrie wurde. Der Webstuhl als Unterdrückungsinstrument, das der Welt den Takt vorgibt. Dazu gibt es Projektionen, die offenbar mit der VR-Brille zusammenhängen, die der Erzähler mittlerweile aufgesetzt hat. Ständig in Bewegung, liefern sie aber mehr ein abstraktes, buntes Farbengemisch als echte Anhaltspunkte, um welche fremde Welten es hier gehen könnte.

Nach dem Aufwachen noch ein kleiner Epilog und ein rätselhaftes Schlusswort: "Ich bin, was ich will. Der Rest ist kollateral." Das Festival Wien Modern hat bewiesen, dass es auch Freiraum für Experimente sein will. Es ist, was es ist.

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