12. Februar 2020 10:15

Kultur

Ein neuer "Reigen" hatte im Wiener TAG Premiere

Heutzutage ist Sex allgegenwärtig, doch vorwiegend in unserem Reden und unserem Schauen und weniger in unserem Tun präsent. Diesen nicht eben neuen Zeitbefund, als "oversexed and underfucked" geradezu sprichwörtlich geworden, bringt das Wiener Theater an der Gumpendorfer Straße (TAG) seit Dienstag auf die Bühne. Doch dieser "Reigen" hat mit Arthur Schnitzler nicht mehr allzu viel zu tun.

Der deutsche Regisseur und Autor Thomas Richter hat fast 100 Jahre nach dem Skandal um Schnitzlers Szenenfolge "Reigen" versucht, ein neues gesellschaftliches Panorama in Bezug auf unseren Umgang mit Sexualität zu entwerfen. Es wird viel geredet in diesen fast zwei Stunden, die von Dora Schneider in Szene gesetzt und mit kurzen Video-Einspielungen angereichert wurden. Dabei gibt es viele gut beobachtete Paar-Situationen und ein paar nette Sager. Lachen ist immer gut. Auch beim Reden über Sex. Und doch ist dieser "Reigen" kein leichtfüßiges Schweben über der Tanz- oder der Liegefläche, sondern mehr ein Stolpern. Das hat zwei Ursachen.

Zum einen ist das, was auf der von Ilona Glöckel mit einem Multifunktionspodium und einigen Gummi-Gymnastikbändern ausgestatteten Bühne zwischen Personalmanager und Angestellter, Bodybuilder und Sexarbeiterin, CEO und Musicalstar und etlichen anderen passiert, in keiner Weise repräsentativ für unsere Zeit, weder sozial, noch in sexueller Orientierung noch in allen anderen Fragen der Diversität, die unsere auf allseitige Correctness bedachten Debatten heutzutage beherrschen. Zum anderen wird das strenge Strukturprinzip von Schnitzlers "Reigen" aufgebrochen. Dessen Reiz lag ja u.a. darin, dass dieselbe Figur hintereinander in jeweils zwei ganz unterschiedlichen Situationen zu sehen war, die dennoch stets in die berühmten "---" des Beischlafs mündeten: die Dirne und der Soldat, der Soldat und das Stubenmädchen, das Stubenmädchen und der junge Herr usw. Bei Richter scheint dagegen die Abfolge beliebig, gibt es immer neue Konstellationen und auch nicht nur Zweierszenen. Im Orgasmic Yoga Seminar oder bei der Hochzeit mit sich selbst finden sich alle sechs Darstellerinnen und Darsteller wieder, die zudem in Schneiders Inszenierung jeweils zwei oder drei Rollen spielen.

Am besten gelingt das Petra Strasser und Jens Claßen. Bei ihnen ist vom originalen "Reigen"-Prinzip auch am meisten übriggeblieben. Als älteres, in der Organisation des Alltags perfekt eingespieltes Ehepaar gibt man sich im gemeinsamen Schlafzimmer "asexuell monogam", doch "ehelich ehrlich", in anderen Konstellationen ist man jedoch - mal leidend, mal lustvoll - durchaus auf der Suche und keineswegs "postsexuell". Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel und Georg Schubert wechseln mit wechselndem Erfolg ihre Rollen und Orientierungen.

Wenn beim Date ein Einverständnisvertrag die sexuellen Rahmenbedingungen des einander Begegnens zwischen "pervers" und "persönlich" klären soll (als Safe Word wird "Octopus" vereinbart), ist das recht lustig, wenn die Scheidungsparty eines lesbischen Paares wegen Unreife der einen Partnerin abgesagt wird, weniger. Manches geht auf, manches geht daneben. Fast wie im wirklichen Leben. Nur bekommt man dort dafür meist nicht annähernd soviel Applaus wie das Ensemble und das Leading Team bei der gestrigen Premiere.

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