1. November 2019 11:12

Kultur

Familiäres Gruselkabinett: "Ritter, Dene, Voss" in Linz

Halloween geht auch ohne Kürbisse - die Linzer Kammerspiele mutierten Freitagabend bei der Premiere von Thomas Bernhards "Ritter, Dene, Voss" zum großbürgerlichen Gruselkabinett. Viel Applaus für ein textsicheres Ensemble, eine zurückhaltende Inszenierung von Schauspielchef Stephan Suschke und ein zeitloses Stück - aus dem Schatten des Originals zu treten, wäre ohnehin eine aussichtslose Mission.

Nachdem bei der Premiere von "Jagdgesellschaft" seine Besetzungswünsche nicht befolgt worden waren, hat Thomas Bernhard bei "Ritter, Dene, Voss" Vorsichtsmaßnahmen ergriffen und seine Wunschbesetzung gleich im Titel festgeschrieben. Jahrelang lief das Stück mit Kirsten Dene, Ilse Ritter und Gert Voss, doch spätestens seit dem Tod von Letzterem gilt es, sich von der schriftstellerischen Personalvorgabe zu lösen. Das tat man in Linz auch. Stephan Suschke lieferte eine Inszenierung ab, die dem Text Raum ließ.

Inhaltlich geht es um eine stinkreiche Industriellenfamilie. Ludwig, von Bernhard aus dem Philosophen Ludwig Wittgenstein und dessen Großneffen Paul gemorpht, ist gerade bei seinen Schwestern im Elternhaus. Üblicherweise lebt er in der Psychiatrie in Steinhof. Dort ist er der Einzige, der nicht entmündigt ist, mithilfe seines Geldes erkauft er sich in der Anstalt die absolute "Narrenfreiheit". Seine Schwestern sind Schauspielerinnen und frönen Dank der Tatsache, dass ihr Vater das Theater an der Josefstadt zu 51 Prozent aufgekauft hat, der Freiheit der Kunst - in ihrem Fall der Freiheit, sich Stress vom Leib zu halten und nur zu spielen, was und vor allem wann sie wollen.

Schauplatz ist die großbürgerliche Villa in Döbling, seelenlos, menschenleer, "Wie in der Gruft ist es hier". An den Wänden hängen die verstorbenen Altvorderen in Öl (Bühne: Momme Röhrbein) und haben die Geschwister im Blick. Die posthume Familienaufstellung fördert Dekadenz zutage, Freunderlwirtschaft, hinter postulierter Weite des Geistes versteckte Borniertheit, Jammern auf hohem Niveau ("Die Reichen haben eben die größten Schwierigkeiten von allen"), Inzest - Thomas Bernhard lässt kaum etwas an österreichischen Abgründen aus und bombardiert das Publikum mit sprachschatzerweiternden Wortschöpfungen wie "Katafalkismus", "Geschirrfetischismus" oder angenehm groben "Gebirgsbaumwollunterhosen" - die Schauspieler bändigen die Wortwülste perfekt, machen sie dem Zuhörer verständlich, bringen den darin verborgenen Humor zur Geltung. Ein Lob ihrer Textgewandtheit.

Rund um ein Mittagessen entspinnt sich das Beziehungsgeflecht der Geschwister. Katharina Knap als ältere Schwester ist "die Betuliche", die Bemühte, die seit Jahren die nicht von Veröffentlichung bedrohten philosophischen Ergüsse Ludwigs nach Diktat niederschreibt. Diensteifrig, unterwürfig und umständlich dackelt sie durchs Haus, versucht ihrem Bruder jeden Wunsch von den Augen abzulesen, um immer wieder bedröppelt ob der geringen Wertschätzung ihrer Bemühungen von dannen zu ziehen. Die Jüngere (Theresa Palfi) ist mit Rauchen, Trinken, Schauen und dem gelegentlichen Vorlesen von Zeitungsmeldungen mehr als ausgelastet. Ihre Langeweile ist beinahe physisch greifbar und stellt die Null-Bock-Aura jedes pubertierenden Teenagers in den Schatten.

Christian Taubenheim als Ludwig scheint sich phasenweise stärker als die beiden Frauen am titelgebenden Schauspielervorbild zu orientieren, wenn er seine Beschimpfung der Welt in aufwallenden Wahlsinn verpackt oder, beengt durch die Fürsorglichkeit seiner Schwester, die "Brrrandteig-Krrrapfen, meine Lieblingsmehlspeise" hinunterwürgt. Etwas weniger Furor als Gert Voss, etwas weniger Irrsinn, aber eine Darstellung wohl ganz im Sinne des Autors. Das Publikum dankte es mit langem, höflichen Applaus.

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