4. März 2020 08:02

Politik

Gewalt bei Trauerfeier für Ernesto Cardenal in Nicaragua

Der Trauergottesdienst für den verstorbenen nicaraguanischen Dichter und Befreiungstheologen Ernesto Cardenal ist durch Zwischenrufe und Ausschreitungen gestört worden. Anhänger der regierenden Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) riefen bei der Zeremonie am Dienstag in der Hauptstadt Managua beleidigende Sprüche in Richtung der Angehörigen und Freunde des Literaten, wie Anwesende berichteten.

Nach Ende des Gottesdienstes griffen FSLN-Anhänger dann politische Gegner sowie Journalisten auch körperlich an. Mindestens ein junger Oppositioneller und vier Medienvertreter wurden den Augenzeugenberichten zufolge geschlagen. Einigen Journalisten wurde auch ihre technische Ausrüstung weggenommen. Der Apostolische Nuntius Waldemar Stanislaw, der die Messe leitete, versuchte vergeblich, die Wogen zu glätten. Dies "dient dem Gedenken an diesen großen Mann nicht", sagte er zu den Störungen. Cardenal war einst ein Weggefährte von Staatschef Daniel Ortega, hatte dann aber mit ihm gebrochen.

Die nicaraguanische Schriftstellerin Gioconda Belli, die Cardenal sehr nahe stand, zeigte sich "sehr traurig" über die Vorkommnisse. Es handle sich um "ein Zeichen der absoluten Respektlosigkeit gegenüber dem Dichter", sagte sie der Nachrichtenagentur AFP.

Der am Sonntag im Alter von 95 Jahren verstorbene Cardenal war ein Verbündeter Ortegas während der sandinistischen Revolution. Nach dem Sturz des Diktators Anastasio Somoza durch die die FSLN-Guerilla im Jahr 1979 war Cardenal acht Jahre lang Kulturminister unter Ortega. In den 1990er Jahren sagte sich Cardenal dann aber von Ortega und der FSLN los. Der Literat warf Ortega einen autoritären Führungsstil und Korruption vor.

Ortega rief dennoch eine dreitägige Staatstrauer für Cardenal aus. Der katholische Geistliche Cardenal war einer der bekanntesten Vertreter der Befreiungstheologie. Die in Lateinamerika entstandene Bewegung setzt sich gegen soziale Missstände und Ungerechtigkeiten ein.

Wegen seiner Regierungstätigkeit geriet Cardenal mit der katholischen Kirche in Konflikt. Bei einem Besuch in Nicaragua 1983 rügte ihn der damalige Papst Johannes Paul II. öffentlich. Der Pontifex weigerte sich bei seiner Ankunft, sich von dem vor ihm niedergeknieten Cardenal die Hand küssen zu lassen.

1985 verbot ihm Johannes Paul II. die Ausübung des Priesteramts. Erst vor einem Jahr hob Papst Franziskus das Verbot wieder auf. Die Leitung des Trauergottesdienstes für Cardenal durch den Apostolischen Nuntius war insofern ein bemerkenswertes Signal.

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