4. März 2020 15:54

Politik

Helfer beklagen Lage in Syrien - EU verspricht 170 Mio. Euro

Die humanitäre Katastrophe im Nordwesten des Bürgerkriegslandes Syrien wird immer größer. Nach Einschätzungen von Hilfsorganisationen und Wissenschaftern haben Zivilisten im letzten großen Rebellengebiet um die Stadt Idlib kaum noch Orte zum Leben. Das ergebe eine Auswertung von Satellitenbildern der nordwestsyrischen Provinz, teilten Hilfsorganisationen am Mittwoch in Berlin mit.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan forderte Europa auf, sein Land in den Bemühungen um eine politische Lösung für Syrien zu unterstützen. Nur so ließe sich die "Migrationskrise" bewältigen, sagte er in Ankara vor einem Treffen mit EU-Ratspräsident Charles Michel.

Die Europäische Union stellt indes zusätzlich 170 Millionen Euro für humanitäre Hilfe in Syrien bereit. Von dieser Summe sollten 60 Millionen für Hilfsmaßnahmen im Nordwesten des Bürgerkriegslandes sein, sagte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell am Mittwoch in Ankara. Das Geld solle "den verletzlichsten" Menschen in Syrien zugutekommen. Borrell führte in Ankara Gespräche mit Erdogan sowie türkischen Regierungsvertretern.

Deutschlands Regierung drängt indes Russland und die Türkei zur Einrichtung einer geschützten Zone für die Versorgung der Hunderttausenden Vertriebenen in Syrien. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel habe das in Telefonaten mit Kremlchef Wladimir Putin und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan deutlich gemacht, sagte Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer am Mittwoch in Berlin.

Syriens Bürgerkrieg war im März 2011 mit Demonstrationen gegen die Führung von Präsident Bashar al-Assad ausgebrochen. Die Regierung ging damals mit Gewalt gegen die Proteste vor. Seitdem wurden in dem Konflikt Hunderttausende Menschen getötet und mehr als zwölf Millionen Syrer vertrieben, rund sechs Millionen im Land selbst.

Die Region um die Stadt Idlib ist das letzte große Rebellengebiet des Landes. Unterstützt von der russischen Luftwaffe hatten Truppen der Regierung im vergangenen Jahr eine Offensive begonnen.

Seit Anfang Dezember flohen nach UNO-Angaben fast eine Millionen Syrer vor den Kämpfen, die meisten von ihnen Frauen und Kinder. Schon vorher hatten in der Region nach UNO-Schätzungen rund drei Millionen Zivilisten gelebt. Helfer beklagen eine humanitäre Katastrophe. Es fehlt an Nahrung, Unterkünften, Heizmaterial und medizinischer Versorgung.

Die Satellitenaufnahmen belegten das große Ausmaß der Zerstörung von Wohngebieten und Infrastruktur, erklärten die Hilfsorganisationen weiter. Fast ein Drittel der Gebäude zweier Frontstädte seien durch die Kämpfe beschädigt oder zerstört worden. Für die früheren Einwohner sei eine Rückkehr damit nahezu unmöglich.

Die seit 2017 entstandenen Satellitenbilder zeigen demnach auch, dass Zivilisten in immer kleinere Gebiete gedrängt werden. Sie lebten unter unmenschlichen Bedingungen in größer werdenden Lagern, die sich auf Ackerland ausbreiteten. Zwei Flüchtlingslager im Norden von Idlib hätten sich seit 2017 in der Größe mehr als verdoppelt.

Erdogan erklärte, der Migrationsstrom" werde so lange anhalten, bis in Syrien eine neue Verfassung ausgearbeitet und freie Wahlen abgehalten werden könnten. "Wenn die Länder Europas die Probleme lösen wollen, müssen sie die politische und humanitäre Lösung unterstützen, die die Türkei in Syrien zu realisieren versucht", sagte Erdogan. Er hoffe, dass die EU durch die aktuellen Entwicklungen die "Wahrheit" erkenne, fügte er hinzu.

Die türkische Armee unterstützt im syrischen Bürgerkrieg Rebellen, darunter islamistische Gruppen, und hat in Idlib mehrere Beobachtungsposten errichtet. In den vergangenen Tagen hatte es heftige Zusammenstöße türkischer Truppen mit syrischen Regierungsanhängern gegeben. Erdogan will verhindern, dass angesichts der Kämpfe in Idlib weitere Flüchtlinge in die Türkei kommen.

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Ankara wurden in der Region Idlib zwei weitere türkische Soldaten getötet. Das Ministerium machte syrische Truppen für den Beschuss verantwortlich. Innerhalb einer Woche sind damit mindestens 37 türkische Soldaten getötet worden. Angesichts der Eskalation der Kämpfe will Erdogan am Donnerstag mit Kremlchef Wladimir Putin in Moskau beraten.

© APA
2019 © PULS 4 TV GmbH & Co KG | IMPRESSUM | DATENSCHUTZ