29. November 2019 08:21

Kultur

"Hermannsschlacht" samt Burschenschafter im Burgtheater

Martin Kusej hat für das Burgtheater unter seiner Direktion Vielsprachigkeit angekündigt. In seiner ersten eigenen Inszenierung als Burgtheaterdirektor löst er das auf überraschende Weise ein: In seiner "Hermannsschlacht" sprechen die Römer immer wieder Latein. Ein origineller, aber kein zwingender Effekt - wie so vieles an der Aufführung, die bei der gestrigen Premiere nicht vollends überzeugte.

Das Stärkste an dem - inklusive halbstündiger Pause - drei Stunden 15 Minuten langen Abend ist Martin Zehetgrubers Bühnen-Setzung. Wie er 2008 mit seinen riesigen, übereinandergeworfenen Baustämmen im "Weibsteufel" eine prägnante Mischung aus Abenteuerspielplatz und schroffer Seelenlandschaft hingestellt hatte, prägen diesmal überdimensionale massive Wellenbrecher aus Beton die Spielfläche. Nicht nur Böhmen liegt am Meer, sondern auch Germanien - beziehungsweise, was dazu wird. Denn Heinrich von Kleists 1809 als Reaktion auf die Niederlage Preußens gegen Napoleon geschriebenes Stück zeigt die Einigung der 15 Germanenstämme im Kampf gegen die Römer. Kusej macht aus der finalen Siegesfeier ein Burschenschaftertreffen mit Heil-Rufen für den neuen Führer Hermann. Ein klares Abschlussbild für eine Inszenierung, die allzu lange keine klare Linie findet.

Kusej mischt die Zeiten, lässt mit Pfeil und Bogen, Schwertern und Gewehren kämpfen. Cheruskerfürst Hermann ist ein Bloßfüßiger im Designer-Anzug, seine Frau Thusnelda trägt Designer-Fetzen und blonde Langhaar-Perücke, der römische Feldherr Varus (Falk Rockstroh) steckt im blauen Anzug, sein germanischer Widerpart Marbod (Rainer Galke) feiert seinen Sieg im Frack mit Würsteln und Ottakringer aus der Dose, als käme er vom Opernball und nicht aus der Schlacht, zu der man im Teutoburger Wald übrigens schwere, ockergelbe Mäntel auf nackter Haut trägt (Kostüme: Alan Hranitelj). Inmitten der Beton-Böschung gibt die Drehbühne manchmal ein altes Ringelspiel frei - der Rummelplatz als Tummelplatz für intime Paarszenen und ein bedeutungsschwangeres Symbolbild, bei dem nackte junge Männer auf den Holzpferdchen sitzen.

Es ist eine sehr statische, sehr dunkle, sehr leise Aufführung, in der wohl nur die ersten Reihen im Parkett in den vollen Genuss aller sprachlichen Nuancen kommen. Als Thusnelda bei der Lektüre eines abgefangenen Briefes ihrem Gatten bekennt: "Ich verstehe kein Wort", tönt es aus dem Zuschauerraum zurück: "Wir auch nicht!" Es ist einer der wenigen witzigen Momente in einer betonschweren Inszenierung, der jene Wendigkeit abgeht, die Hermann als Stratege in nahezu in jeder Szene erneut beweist.

Markus Scheumann ist ein schmaler Schlachtenlenker, der seine Stimme selten erhebt und lieber leise überzeugt. Kein Charismatiker, sondern ein aasiger Machtpolitiker, der auf List und Tücke setzt, jene Gräueltaten, die ihm politisch nützen würden, selbst herbeiführt, die Koalitionen wechselt, wie er es braucht, Freunden kalt lächelnd den Stahl in die Brust rammt und seine Frau den Feind umgarnen lässt. Bibiana Beglau lässt als Thusnelda ihre Muskeln spielen, gibt lustvoll die ungehobelte, animalische Barbarin, die mit Blut mehr anfängt als mit Juwelen und klettert, als der römische Lover von der Bärin zerfleischt wird, halb nackt das Käfiggitter empor - eine forcierte Szene, die in die unfreiwillige Komik zu rutschen droht.

In Claus Peymann legendärer Inszenierung, die 1982 in Bochum Premiere hatte und später auch in Wien Furore machte, prägten nicht nur Gert Voss und Kirsten Dene als im privaten Umgangston ironisch-spielerisch einander verbundenes zentrales Paar die Aufführung, sondern auch eine mit einfachsten Mitteln hergestellte Schlachtszene, die das ikonische Plakat der Produktion schmückte: "Theater ist schöner als Krieg". Überzeugende Bildfindungen von ähnlicher Kraft finden sich in Martin Kusejs Inszenierung nicht. Es gibt aber starke Momente wie den Auftritt eines Totenvogels oder das augenblickhafte Aufblitzen der Urfrage, wofür man eigentlich in den Krieg ziehen soll, für die Freiheit oder für Land und Boden, Hab und Gut.

Was von dieser "Hermannsschlacht" in Erinnerung bleiben wird, ist das durchaus moderne Bild Hermanns als großer Manipulator, dem für seinen eigenen Aufstieg jedes Mittel recht ist, und eine kühne Betonlandschaft, in der sich nicht die Wellen brechen, sondern die Nationalisten formieren. Für die große Erwartungshaltung, die dieser Premiere vorausgegangen war, fiel der Schlussapplaus eher mager aus. Am Ende hielten sich die spärlichen Bravos und Buhs die Waage. Seinen Gesten nach zu schließen, schien Kusej die Letzteren mehr zu genießen.

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