15. Oktober 2019 15:38

Kultur

Jonas Kaufmann singt in Wien bald wieder Oper

Die Präsentation der "Wien"-CD von Jonas Kaufmann und seines Fotobands "Bilderreise" im Wiener Musikverein war am Dienstag, Nachmittag von Babygeplapper im Hintergrund begleitet. Der ganz kleine Kaufmann, der "stählt noch seine Stimme", kommentierte Papa Jonas die Zurufe seines jüngsten Kindes. "Da geht noch was. Das war nur mezzopiano."

Mehr mezzopiano als großes Opernstarrepertoire ist auch seine eigene Beschäftigung mit der Wiener Musik, die er gestern erstmals im Wiener Konzerthaus mit Operettenhits und Wienerliedern präsentiert hat. "Diese Musik ist nicht für einen Startenor geschrieben", so Kaufmann heute. "Das funktioniert nicht mit Akademik, oder mit Druck - das muss Spaß machen, da muss man sich über sich selbst lustig machen können - sonst kann es nicht blühen."

Und auch nicht ohne einwandfreien Wiener Dialekt. "Mit den Sprachen geht es meist einfacher bei mir, als bei anderen. Außerdem bin ich bei meinen Großeltern in Tirol mit dem ORF aufgewachsen", erzählte der deutsche Tenor heute im Gespräch mit Barbara Rett. "Da hat man den Kasperl und den Petzi und 'Am Dam Des' gesehen und das ist etwas, das prägt - und mich bis heute fröhlich stimmt."

Auf die CD Eingang gefunden hat vieles, "was einfach ein Muss ist" und manches, was Kaufmann "wahnsinnig am Herzen gelegen ist": "Der Tod, das muss ein Wiener sein" von Georg Kreisler etwa, weil "dieser bissige, satirische Nachkriegshumor, der ist Teil der Geschichte dieser Stadt und auch ein Teil dessen, wie man mit ihr umgeht: Weglächeln und weitermachen".

Den Konzertauftakt machte Kaufmann gestern allerdings mit Strauß' "Nacht in Venedig", mit dem ihn eine besondere Beziehung verbindet: "Noch während meines Studiums, habe ich den Caramello im Stadttheater Regensburg gesungen. Das war für mich eine wichtige Zeit, ich habe meine Ängste abgebaut, habe gelernt: nach zwölf Vorstellungen bist du nicht mehr aufgeregt, nach 20 bist du wahnsinnig gelangweilt, und danach kommt irgendwann der Punkt, wo man diese Sicherheit ausnutzt, um etwas zu probieren und viel mehr auf das achtet, was man tut."

Was er tut auf der Bühne, das kann man nicht zuletzt in dem neuen Bildband nachschauen, der Material von mehr als 400 Fotografen versammelt - Fotos von verschiedensten Rollen, teilweise aus Videos als Filmstills geschnitten, aber auch Urlaubsbilder und nicht zuletzt eigene Fotografien. Die Idee für diese "Bilderreise", so der Titel, habe ihm zunächst "kein Juhu" entlockt, gestand Kaufmann. "Ich dachte: Die fünf Pressefotos kennen wir doch alle." Schließlich sei er aber hineingewachsen in das "Geschichtsbuch", das "viele Erinnerungen weckt".

Wichtig ist für Kaufmann stets die spontane Emotion, aus der dann die "wahre Geste" entstehen kann - "die überträgt sich dann, auch wenn sie klein ist, in die hintersten Reihen eines großen Saales. Weil man sie lesen kann". Bei Konzerten sieht sich der Sänger durch das gedruckte Programmheft eingeschränkt - "in meiner idealen Welt würde es das nicht geben" - das verhindert, dass er die Stücke so ansetzen kann, wie es ihm und auch dem Publikum gerade passt. "Es ist wie beim Eislaufen: Das Programmheft ist die Pflicht - und dann geht es mit der Kür erst richtig los", verlagert er die Spontanität nun also in die Zugaben.

Wenig spontanes Agieren war dagegen bei den Aufnahmen der "Wien"-CD mit den Wiener Philharmonikern möglich. Weil er selbst gesundheitlich indisponiert war, musste die Einspielung von Orchester und Solostimme getrennt erfolgen. "Wir haben lange darüber diskutiert. Aber finden Sie mal einen anderen Termin! Ich habe da alle Felle davonschwimmen sehen." So habe man sich auf das Experiment eingelassen - Kaufmann war bei der Aufnahme dabei, sprach sich mit den Stimmführern und mit Dirigent Adam Fischer eng ab - "ich habe sogar teilweise selbst dirigiert, das kommt dann in meine Autobiografie".

Mit der "Wien"-Tournee ist Kaufmann in diesem Winter quer durch Europa unterwegs, dazu kommen einige Opernengagements - "mit der nächsten Spielzeit auch wieder an der Wiener Staatsoper", stellte er seine Rückkehr mit der neuen Intendanz von Bogdan Roscic in Aussicht - mehr durfte nicht verraten werden. Und im Sommer 2020 wird Kaufmann erstmals in der Arena di Verona auftreten.

© APA