26. November 2019 11:52

Kultur

Königin Sofia Museum ehrt Stojkas Holocaust-Erinnerungen

In Hunderten von Werken verarbeitete die österreichische Künstlerin Ceija Stojka ihre Holocaust-Erinnerungen. Nun ehrt das weltberühmte Madrider Königin Sofia Museum in einer großen Einzelausstellung mit mehr als 140 Arbeiten und Dokumenten den bewegenden Nachlass der 2013 verstorbenen Künstlerin und Buchautorin.

Leuchtende Sonnenblumenfelder, idyllisches Landleben, romantische Sonnenuntergänge. Kinder spielen an einem See. Mit kräftig-fröhlichen Farben malte Ceija Stojka (Kraubath, 1933 - Wien, 2013) ihre ersten Kindheitserinnerungen. Stojka wuchs in einer österreichischen Lovara-Roma-Familie auf, die im Pferdewagen quer durchs Land fuhr. Es war ein Leben in der Natur, eine glückliche Kindheit, wie die ersten Gemälde der Madrider Ausstellung "Esto ha pasado" (Das ist passiert) zeigen.

Doch so abrupt, wie dem zehnjährigen Mädchen 1943 im KZ von den Nazis ihre Kindheit genommen wurde, so geht auch die Madrider Sonderschau zu ihren "düsteren" Gemälden über. Die Farben sind immer noch kräftig, bunt. Die Motive aber haben sich geändert: Holzkarren mit leblosen Körpern, qualmende Krematorien, Stacheldraht, Tod, wie Tiere in Zugwaggons gepferchte Menschen. Ein Bild zeigt einen Arm. Blutrot. Der Hintergrund ist pechschwarz. Auf dem Arm steht "Z 6399". Die Nummer, die Stojka bei ihrer Ankunft im KZ-Auschwitz auf den Arm gebrannt wurde.

Ein anderes Gemälde stellt ein weit aufgerissenes Auge dar. Es nimmt die gesamte Bildfläche ein. Die roten Äderchen im Augenweiß stellen sich beim genaueren Hinsehen als Stacheldraht heraus. An einem hängt ein Totenschädel. Daneben prangert das Hakenkreuz am qualmenden Schornstein eines Krematoriums. Raben fliegen als Vorboten des Todes durchs Augenweiß. "Wie in ihrer Acrylmalerei "Ohne Titel" (1995) benutzte die Künstlerin immer wieder Raben als Symbol für die toten Seelen, die uns verfolgen, um nicht in Vergessenheit zu geraten", erklärt Ausstellungskuratorin Paula Aisemberg im Gespräch mit der APA. Auch malt Stojka immer wieder Augen. Die Augen der Henker oder die der Opfer. Doch immer weit geöffnete Augen für eine Realität, die niemals vergessen werden sollte.

Stojka malte den Völkermord der Nazis an den Roma und Sinti, das Grauen in den Konzentrationslagern. Über 250.000 Sinti und Roma fielen in Europa der nationalsozialistischen "Bekämpfung der Zigeunerplage" zum Opfer. In Österreich fanden fast 90 Prozent sämtlicher Betroffener im Zuge der sogenannten "Vernichtung lebensunwerten Lebens" den Tod. Von Stojkas Großfamilie überlebten nur wenige. Von den fast 200 Personen blieben nur sechs übrig. Sie, ihre Mutter und vier Geschwister. Auschwitz-Birkenau, Ravensbrück und Bergen-Belsen. Gleich drei Konzentrationslager überlebte sie.

Wie viele Holocaustüberlebende brauchte auch Stojka Jahre, um über den Hunger, die Schläge, die Angst, den Verlust der Familie und die Entmenschlichung im Konzentrationslager sprechen zu können. Fast 40 Jahre um genau zu sein. Zunächst als Buchautorin. An Schulen in ganz Österreich sprach Stojka über das Lagerleben, die Gräueltaten der Nazis. Sie schrieb Bücher. 1986 fing sie an, ihre traumatischen Kindheitserinnerungen auch künstlerisch aufzuarbeiten. Sie brachte sich das Malen selber bei, malte mit Pinsel und Fingern. Tuschezeichnungen auf Papier. Später malte sie auf Karton und Ölleinwand, arbeitete mit Texten. So bringt auch das Königin Sofia Museum zur Ausstellung erstmals auf Spanisch ihre Memoiren "Träume ich, dass ich lebe?" heraus.

So wie Stojka erst spät mit ihrer künstlerischen Verarbeitung ihrer Vergangenheit begann, so kommt auch ihre internationale Würdigung sehr spät. Doch mit der Sonderschau im weltberühmten Madrider Museum wurde nun ein Anfang gemacht. Die Ausstellung ist noch bis zum 23. März 2020 in der spanischen Hauptstadt zu sehen.

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