1. November 2019 09:08

Kultur

Kusejs dunkle "Don Karlos"-Inszenierung am Burgtheater

Der Lichtstrahl der beiden im Bühnenraum surrenden Drohnen schmerzt. Er zerreißt die absolute Dunkelheit, die sich im Burgtheater breitgemacht hat. Aber wirklich erhellen? Nein, das gelingt auch diesen Überwachungsapparaten nicht. Stattdessen taumelt der spanischen Hof mit all seinen Protagonisten in Martin Kusejs "Don Karlos"-Inszenierung unweigerlich dem Abgrund entgegen.

Es ist eine weitere Münchner Produktion, die der neue Burgtheaterdirektor aus seiner Residenztheaterzeit mitgebracht hat und Donnerstagabend erstmals erstrahlen ließ. Wobei er für Schillers "dramatisches Gedicht", das 1787 uraufgeführt wurde, nicht auf grelles Licht, sondern vereinzelt gesetzte Suchscheinwerfer zurückgreift. Das Geschehen um den Infanten Don Karlos (Nils Strunk), seinen mit unbarmherzig strenger Hand regierenden Vater Philipp II. (Thomas Loibl) und die zwischen den Männern stehende Elisabeth (Marie-Luise Stockinger) entspinnt sich so nur langsam.

Es ist die Liebe zur Stiefmutter, die Don Karlos antreibt, nachdem ihm sein herrischer Vater Elisabeth wegschnappte und selbst ehelichte. Die Distanz zwischen Vater und Sohn, sie könnte größer nicht sein und wird in der völlig leergeräumten Bühne selbst bei nächster Nähe durch den schwarzen Schlund zwischen den Männern verdeutlicht. Als sich Don Karlos mit seinem Schicksal nicht abfinden will, erscheint der Marquis von Posa (Franz Pätzold) wie der Retter in der Not, mit klugen, bedacht gewählten Worten und dem Plan, den Prinzen nach Flandern zu schicken.

Doch das Vorhaben misslingt, und das Intrigenspiel hebt vollends an: Briefe werden getauscht, behütet, gestohlen und weitergegeben, Prinzessin Eboli (Katharina Lorenz) aufgrund ihrer unerwiderten Liebe zu Don Karlos zwischen den Fronten aufgerieben und das Trennende zwischen Herrscher und Thronfolger mit jedem Wort größer. Weil sich letztlich nicht nur der kriegserfahrene Herzog von Alba (Marcel Heupermann) sowie der scharfzüngige Pater Domingo (Johannes Zirner) einmischen, sondern allen voran Posa die Zügel in die Hand nimmt, weiß man kaum mehr, woran man ist.

Die Undurchsichtigkeit der vielen Fäden, die gesponnen werden, sie fördert Kusej am deutlichsten durch das Stellungsspiel zutage. Meist einen Schritt neben dem Lichtkegel oder gleich gar in den kaum auszumachenden Bühnentiefen stehend, hangeln sich die Protagonisten an Schillers Worten entlang, sie oft vorsichtig wie auf die Waagschale legend, Silbe für Silbe, Pause um Pause. Es ist harte Arbeit, der sich nicht nur das sehr genau agierende Ensemble stellen muss, sondern auch das Publikum.

Denn Musik (Bert Wrede liefert düstere Zwischenspiele) und Bühne (Annette Murschetz darf abseits der dunklen Tristesse noch mit einem türkisen, mit spitzen Pyramiden ausgekleideten Raum im Raum punkten) geben kaum Gelegenheit, sich auf etwas anderes als die Sprache zu konzentrieren. Stattdessen führen wenige kurze Sequenzen die Brutalität des Regimes vor Augen, wenn Gefangene in ein Loch gestoßen werden. Dass sich dieser Abgrund immer weiter auftut und letztlich Freund wie Feind zu verschlingen droht, es ist kein Geheimnis. Denn dem Reiz der Macht scheint jeder zur erliegen.

Die viereinhalb Stunden, in denen Kusej vorsichtig Spannung aufbaut, um sie wieder zu zersetzen, sie sind durchwegs intensiv - eben gerade weil sie Raum bieten, Aufmerksamkeit verlangen und Ablenkung verweigern. Dafür bieten sie große Schauspielkunst, angefangen bei Franz Pätzold, dessen Posa zum Dreh- und Angelpunkt des Hofes wird und mit seiner Leidenschaft nicht nur den König mitreißt. Nils Strunk gewinnt als naiver Infant hingegen erst zum Ende hin an Konturen, während Thomas Loibl genüsslich im Hass des Königs aufgeht. Ihm die Stirn zu bieten, das gelingt Marie-Luise Stockinger vortrefflich - nützen kann es ihrer Elisabeth freilich wenig. Großer Applaus nach einem fordernden Abend für alle Beteiligten, wobei Kusejs Reduktion auf Schillers Wortgewalt hörbar nicht jedem mundete.

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