18. Oktober 2019 12:05

Politik

Lehrer unterrichten gerne, aber 14 Prozent sind ausgebrannt

Die Mehrzahl der österreichischen Pflichtschullehrer liebt es, zu unterrichten. Gleichzeitig sind immer mehr von ihnen im Job hoch belastet, zeigt eine am Freitag präsentierte Belastungsstudie der ARGE Burnout im Auftrag der Pflichtschullehrergewerkschaft. Demnach fällt jeder siebente Lehrer in jene Risikogruppe, die wegen anhaltend hoher Belastung Symptome wie bei einer schweren Depression zeigt.

Bei 45 Prozent der Lehrer von Volks-, Neuen Mittel-, Sonder- und Polytechnischen Schulen ist laut der zum dritten Mal durchgeführten Befragung (rund 7.200 Teilnehmer) die berufliche Belastung auf normalem Niveau. Ein Viertel ist "belastet" und zeigt Anzeichen einer vorübergehenden Erschöpfung, knapp 16 Prozent sind "überlastet" und leiden bereits an Selbstzweifeln und der Unfähigkeit sich zu entspannen.

Die Größe der Risikogruppe ist im Vergleich zur ersten Erhebung 2010 um vier Prozentpunkte auf 14 Prozent gewachsen. Für Studienautor Erich Hotter ist das "ein ziemlich alarmierender Befund" und unter den von der ARGE Burnout bisher untersuchten Berufsgruppen "der bei weitem höchste Wert". "Der Lehrberuf ist - das kann man sicher sagen - gesundheitlich einer der riskantesten." Besonders oft in die Risikogruppe fallen Männer, ältere Lehrer sowie Lehrer in Städten und an NMS.

Am häufigsten belastet fühlen sich Lehrer der Studie zufolge durch als sinnlos empfundene Bürokratie, wie Testungen und Evaluierungen ohne nachvollziehbaren Zweck sowie Dokumentationen, die Zeit für die Arbeit mit den Schülern abziehen. Dahinter folgen "Medien", durch die sich die Lehrer laut Studienautor Hotter ungerecht behandelt und pauschal verurteilt fühlen. Ebenfalls oft genannt werden Aggressionen, laut vertiefender Auswertung fühlt sich mehr als die Hälfte der Lehrer ständig bzw. häufig belastet durch Aggressionen zwischen Schülern, vor allem an Sonder- und Polytechnischen- und Volksschulen. Immerhin jeder fünfte Lehrer gab an, ständig bzw. häufig durch Aggressionen gegen Lehrer belastet zu sein.

Romana Deckenbacher, Vize-Vorsitzende der GÖD fordert angesichts dieser Ergebnisse ein flächendeckendes und professionelles Supportsystem. Außerdem brauche es mehr Fortbildungen zum Umgang mit Gewalt und mehr Sanktionsmöglichkeiten bei Grenzüberschreitungen von Schülern. Paul Kimberger (FCG), Vorsitzender der Pflichtschullehrergewerkschaft, plädierte auch für die von der vergangenen ÖVP-FPÖ-Regierung geplanten "Timeoutgruppen", um Schüler zu schützen vor "einigen wenigen, die ständig Terror verbreiten".

Gesondert untersucht wurde die Situation der Schulleiter. Laut Kimberger wird es nämlich bundesweit immer schwieriger, Kandidaten für diesen Job zu finden. Laut der Studie würde ein Viertel der Direktoren nicht noch einmal einer Berufung folgen, als Hauptgrund wird die Frustration über als sinnlos erlebte administrative Aufgaben genannt. Weitere Gründe sind das Fehlen von an Pflichtschulen nur in seltensten Fällen vorhandenen Sekretariatskräften und Unterstützungspersonal wie Schulsozialarbeitern und -Psychologen, unkooperative Eltern und zunehmender Druck.

Belastend ist laut der Erhebung auch die Arbeitsplatzsituation der Lehrer, mehr als 60 Prozent erledigen alle Arbeiten abseits des Unterrichts daheim. Mehr als 60 Prozent der Lehrer setzen zudem häufig oder ständig ihre persönlichen Geräte im Unterricht ein und 58 Prozent bezahlen häufig oder ständig Unterrichtsmittel aus eigener Tasche.

Angesichts der mangelnden Ausstattung an Schulen ist auch die Euphorie der Lehrer in Sachen Digitalisierung überschaubar. Nur ein Drittel kann sich mit dem von der Politik ausgerufenen Ziel identifizieren, für die Hälfte ist eine erfolgreiche Umsetzung mit der vorhandenen Ausstattung eher nicht oder sicher nicht vorstellbar, für 61 Prozent ist ein Erfolg mit den vorhandenen Personal- und Zeitressourcen eher nicht oder sicher nicht machbar. Zusätzlich fühlen sich 49 Prozent eher nicht oder sicher nicht ausreichend ausgebildet. Es reiche nicht, alle Schüler mit einem Handy, Tablet oder Laptop auszustatten, betonte Kimberger. An den Schulen fehlten funktionierendes WLAN, es gebe kaum Serverlösungen oder moderne Ausstattung und es gebe keinen technischen Support.

Von der Politik forderten die Vertreter der Fraktion Christlicher Gewerkschafter (FCG), die sich im November wieder den Personalvertretungswahlen stellen, dass Bildungspolitik wieder Sache der Lehrer werden müsse. Die Bildungspolitik der vergangenen zehn bis 15 Jahre habe versagt, so Kimberger, Lehrer bräuchten wieder Zeit für die Beziehungsarbeit mit den Schülern. Von "selbsternannten Experten" will er hingegen nichts mehr hören, sagte er mit einem Seitenhieb auf Buchautor Andreas Salcher ("Der talentierte Schüler und seine ewigen Feinde"). Dieser habe aus seiner Sicht auch bei den anstehenden Regierungsverhandlungen - anders als 2017 - nichts verloren.

© APA