29. Oktober 2019 10:58

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Michael Stipe macht auch nach R.E.M. weiter Musik

Vor 25 Jahren waren R.E.M. eine der wichtigsten und erfolgreichsten Rockgruppen der Welt. Ihr 1994 erschienenes Album "Monster" erlebt jetzt eine opulente Jubiläumsneuauflage. Gelegenheit, zwei Mitglieder der 2011 aufgelösten US-Band zu treffen. Ein seltenes Doppelinterview mit Sänger Michael Stipe und Bassist Mike Mills über die Musik von damals, die Zeit nach dem Split - und über Politik.

Frage: Mister Stipe, es ist ein rares Vergnügen, Sie für ein Interview hier zu haben. Nach dem Split von R.E.M. haben Sie sich lange Zeit kaum noch öffentlich geäußert. Woran lag es?

Stipe (lacht): Ach, manchmal möchte ich einfach nicht so gern reden. Aber jetzt bin ich bereit.

Frage: Der Hauptgrund für unser Treffen ist "Monster", Ihr R.E.M.-Album von 1994. Denken Sie, dieses Werk, eine ungewöhnlich raue Rockplatte nach dem Popwelterfolg "Automatic For The People", sollte heute anders bewertet werden?

Stipe: Ja, es kann durchaus eine neue Erfahrung sein für die Fans von damals, dieses Album jetzt noch einmal zu hören und neu schätzen zu lernen. Und es kann eine Chance sein für neue Fans, die ein Album wie "Monster" noch nie gehört haben. Für uns ist es ein ganz besonderes Album. Wenn man auf unseren Karriereverlauf schaut, war "Monster" echt seltsam, aber ich bin sehr stolz drauf.

Mills: Wir haben als R.E.M. eigentlich von Anfang an richtig gerockt. Die Alben spiegelten nicht immer unsere Liveshows wider, die echter Rock 'n' Roll waren. Aber bei "Monster" haben wir tatsächlich freiwillig die Verstärker aufgedreht und die großen Gitarren rausgeholt, und wir hatten dabei eine gute Zeit. Neben schönen ruhigen Platten wollten wir eben auch laut brüllende Platten machen. "Monster" war so eine.

Stipe: Als wir "Automatic..." machten, reagierten wir auf die damalige Zeit. Das war 1992, eine andere Phase. Man isst ja auch nicht jeden Abend Chinesisch, man muss ein bisschen variieren. Und wir wollten uns während unserer gesamten R.E.M.-Karriere nie wiederholen.

Frage: Gibt es Lieder von "Monster", auf die Sie mit der Jubiläumsausgabe nochmals aufmerksam machen wollen?

Mills: Im Kern ging es bei unseren Alben immer um das Songwriting. Wir waren bei R.E.M. sehr stolz auf unsere Qualitäten als Songwriter. Und wenn man jetzt die puren Songs von "Monster" hört, ohne die Effekte und Gimmicks, die wir später draufgepackt haben - dann erkennt man, wie stark diese Lieder sind. Das hat Bestand.

Stipe: Es gibt ja den Lagerfeuer-Test - also ob ein Lied auch nur zur Gitarre am Lagerfeuer gut klingt. Und zehn bis zwölf Songs von "Monster" bestehen diesen Test. Das ist eine ganze Menge.

Frage: Acht Jahre ist es jetzt her, dass R.E.M. sich getrennt haben - obwohl die Band damals noch respektiert und erfolgreich war. Mister Stipe, Sie haben sich danach aus dem Business völlig zurückgezogen, kürzlich aber mit "Your Capricious Soul" überraschend einen neuen Song veröffentlicht. Was dürfen Fans Ihrer Musik erhoffen?

Stipe: Das Kapitel R.E.M. ist vorbei. Aber wenn ich etwas tue wie jetzt diese Single, dann mit ganzem Herzen. Ich würde keinen Song herausbringen, wenn ich nicht glaubte, dass er das Beste ist, wozu ich fähig bin. Auf "Your Capricious Soul" bin ich sehr stolz. Und ich arbeite an weiteren Liedern. Ob ein Album daraus wird, weiß ich noch nicht. Ich setze mich da auch nicht unter Druck. Denn ein Album ist im Jahr 2019 ein ganz anderes Ding als vor 25 Jahren.

Frage: Mister Mills, wie erging es Ihnen? Haben Sie R.E.M. nach dem freundschaftlichen Split von 2011 vermisst?

Mills: Ach, wissen Sie, das sind zwei Dinge. Einerseits vermisst man natürlich so eine tolle Band, man vermisst es, gemeinsam auf die Bühne zu klettern und Shows zu spielen, man vermisst diese ganze Musik, die wir gemeinsam gemacht haben. Auf der anderen Seite war es das Richtige, die Band irgendwann aufzulösen. Ich denke, wir haben alle unseren Frieden damit gemacht.

Frage: Lassen Sie uns etwas über Politik sprechen. Mister Stipe, Sie haben Ihre Single zur Unterstützung der Klimaaktivisten von Extinction Rebellion herausgebracht, deren Protest Sie sehr zuversichtlich stimmt. Wie kam es dazu?

Stipe: Ja, ich wollte die Single jetzt im Oktober herausbringen, um Extinction Rebellion vor der Klimaprotestwoche zu unterstützen und um meine eigene Stimme hinzuzufügen - für eine Gruppe, die mich tatsächlich sehr optimistisch macht.

Frage: Ist das etwas Neues für Sie?

Stipe: Nein, ich komme aus einer Tradition von Pro-Umwelt-Aktivismus. Schon 1981 haben R.E.M. eine Show für eine Umweltschutzgruppe gespielt. Und wir haben auch sonst immer sehr deutlich unsere Meinung zur US-amerikanischen Politik gesagt. Das mit Extinction Rebellion entspricht also einer Richtung, die wir schon als R.E.M. vertreten haben. Früher haben wir Greenpeace unterstützt. Die sind super, aber jetzt ist das Jahr 2019, da brauchen wir auch so etwas wie Extinction Rebellion, einen gewaltfreien Klimaprotest, um den Regierungen in der ganzen Welt entgegenzutreten und zu sagen: Ihr tut nicht genug.

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