22. November 2019 05:23

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Peter Handke: "Die Schatten werden nicht bleiben"

Ein schöner Herbsttag in Chaville bei Paris. Der Regen der vergangenen Tage ist vorbei, der Himmel blau. Peter Handke empfängt die APA zum Interview und verschnauft mit dem Gast noch etwas in seinem oft beschriebenen, verwunschen wirkenden Garten in den Strahlen der Mittagssonne, ehe er ins Haus bittet. Der friedliche Beginn eines über eine Stunde später vom Gastgeber abgebrochenen Gesprächs.

Vor wenigen Tagen ist seine Nobelpreisrede fertig geworden, die er am 7. Dezember in Stockholm halten wird. Der frühe Abgabetermin ist notwendig, damit die Übersetzungen rechtzeitig fertig werden. "Deutsch ist ja nicht einfach zu übersetzen, vor allem meines", meint der Autor, der das Thema noch nicht verraten will. "Eines vielleicht: Der Hauptteil besteht aus dem Anfang und dem Ende des Stückes 'Über die Dörfer'. Das ist ja schon bald 40 Jahre her, aber es kam mir vor, dass es das Richtige ist für den Moment."

Ein dichtes Programm und viele Protokollfragen erwarten den österreichischen Nobelpreisträger, vom richtigen Verhalten gegenüber dem schwedischen König, dem Ausbringen eines englisch gesprochenen Toasts beim Bankett bis zum Frackzwang bei der Verleihung. Er habe schon 2017, als er von der Universität von Alcala de Henares die Ehrendoktorwürde verliehen bekam, einen seltsamen Umhang und eine eigenartige Kopfbedeckung tragen müssen, erzählt er. "Inzwischen bin ich so alt, dass ich das ohne Peinlichkeit ertragen kann. Mit dem Frack ist es ein anderes Problem. Da habe ich ein bissel Sorgen, welche Figur ich darin machen werde. Aber es gibt schlimmere Sorgen. Ich habe vor ein paar Tagen Patrick Modiano (den Nobelpreisträger 2014, Anm.) getroffen. Er hat gesagt, man muss nicht alles mitmachen. Aber was sich gehört, werde ich mitmachen."

Schon am 10. Oktober, als er mittags den Anruf aus Stockholm entgegennahm, hat er mitgemacht bei dem alljährlich über den neuen Nobelpreisträger wie eine Naturgewalt hereinbrechenden Mechanismus plötzlicher Weltöffentlichkeit. Zunächst ist er ja, wie beabsichtigt, "durch den Wald geeiert". "Ich habe drei, vier kleine Steinpilze gefunden. Ich habe an nichts Besonderes gedacht. Ich war friedlich gestimmt. Es waren für mich bewegende Momente, da alleine im Wald zu sein. Zwischendurch war die Nachricht wie weggeweht." Dann habe er von der Frau, die sich um das Haus kümmert, wenn er verreist sei, erfahren, "dass so viele Leute vor dem Haus sind. Da habe ich mir gedacht, Mensch, ich muss doch nach Haus gehen. Ich kann mich ja nicht drücken." Die Begegnung mit rund 30 wartenden Journalisten hat er als nicht angenehm in Erinnerung, nur bei zwei oder drei von ihnen "habe ich gespürt: Die sind auch Leser. Im Nachhinein habe ich mich fast ausgenützt und fast vergewaltigt gefühlt. Und mit mir die Literatur. Ich selber, ich bin einiges gewöhnt, und ich verdiene auch als Individuum manches nicht so Gutes, aber nicht die Bücher, nicht die Literatur."

Handke hatte die Zuerkennung des Preises sofort als Signal für die Würdigung von Weltliteratur interpretiert, deren Anhänger er sei - im Gegensatz zur "internationalen Literatur". Was meint er damit? "Es gibt so eine internationale Literatur, die grammatikalisch und in der Struktur in jeder Sprache gleich geworden ist. Die einzelnen Sprachen zählen nicht mehr, so, als ob alles eine englische Grundlage hätte." Eines Tages selbst Eingang in die Weltliteratur zu finden - hatte das bereits der junge Literaturrevoluzzer Handke im Sinn? "Weltliteratur zu machen, kann man sich ja nicht vornehmen, aber für mich als Leser war das die Literatur: Dostojewski, Tolstoi, Faulkner, Cervantes, zwischendurch war es der Nouveau Roman, der für mich sehr wichtig war", erklärt Handke. "Ich hab schon in einem meiner Journale notiert, dass ich mich da mit dabei sehe, bei den großen Formen, auch der Skulptur, der Menschendarstellung - aber als kleine Figur unten am Rand. Nichts anderes war mir im Sinn. Ich scheiß auf Superlative wie 'die Größten', aber ich gehöre da irgendwo dazu."

Mit Kritik an der "Beschreibungsimpotenz" seiner Kollegen ist Handke einst angetreten, heute scheint sein Schreiben geprägt vom Versuch, im genauen Beschreiben jene Dinge hervorzuheben, die andere übersehen, und dabei die Wahrnehmung zu schärfen. "Das ist halt meine persönliche Krankheit, dass ich es anders mache als die meisten. Aber ich bin ganz froh über meine Krankheit. Aus dieser Krankheit kann man viel Schönes machen." Ist dieses Auffinden im Gegensatz zum Ausdenken auch das gemeinsame Movens eines Werks, das bereits mehr als unglaubliche 11.500 Seiten umfasst? Nein, er wolle schon Geschichten erzählen, entgegnet Handke: "Es gibt schon immer einen glühenden Kern von Erzählung. Den gibt es immer. Aber im Schreiben verhülle ich diesen Kern, mit einer Hülle um die andere."

Auch Handkes dramatisches Werk ist ungeheuer reich. Im Sommer bringen die Salzburger Festspiele "Zdenek Adamec - eine Szene" zur Uraufführung. Zdenek Adamec gab es wirklich. Der Student verbrannte sich 2003 am Prager Wenzelsplatz. "Ich hab das damals gelesen, dass ein junger Mann scheinbar dem Beispiel von Jan Palach gefolgt ist, aber er hat es nicht aus konkret politischem Protest gemacht, sondern aus Existenzgründen: Dass er als junger Mensch, der seinen Platz in der Welt nicht findet, diese Welt nicht so lieben kann, wie er gerne möchte. Das hat mich sehr beeindruckt." Er "glaube zu ahnen", dass es vielen jungen Leuten heute ähnlich gehe. Schauplatz ist ein Lokal, in dem "ein paar Leute übrig bleiben. Eine Stille setzt ein, und auf einmal fängt einer an, von diesem Jungen zu reden. Als Figur tritt er selbst nicht auf. Aber es wird viel über ihn geredet, erzählt, reflektiert, und auch viel von anderem Zeug geredet."

Inszenieren wird diese "Evokation" aus Erzählungen, Apercus, Erinnerungen "und manchmal aus rhythmischem Unsinn, damit der Ernst umspielt wird", die von Handke geschätzte Regisseurin Friederike Heller, von der er sich eine "freie und treue" Umsetzung erhofft: "Die Partitur ist diesmal schwierig, die Rollen sind nicht fixiert, es gibt nur die einzelnen Dialogrhythmen. Ich freu mich drauf. Ich glaub, das könnte etwas werden."

Ehe er nach Stockholm aufbricht, möchte der Dichter noch "eine Geschichte von vielleicht 180 Seiten" fertigstellen, die im Frühjahr erscheinen soll: Bei "Das zweite Schwert - eine Maigeschichte" ist er gerade "dabei, die Fahnen noch aufzufüllen und zu ergänzen. Es gibt so 70, 80 kleine Sachen, die ich einfügen möchte. Das tut mir jetzt gut, vor Stockholm, die Spracharbeit, die Bildarbeit, die rhythmische Arbeit. Nach den vielen Ablenkungen bin ich jetzt wieder bei meiner Sache."

Handkes letzte große Prosa ist vor zwei Jahren erschienen - "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere" kann auch als selbstironisches Porträt des Autors gelesen werden, das mit einem großen Familienfest endet. "Ich nenne mich immer Familienmensch. Das ist natürlich auch ein frommer oder herzlicher Wunsch, aber mein ganzes Träumen geht eigentlich nur um Familie. Es geht dabei aber auch um die Toten. Die Toten der Familie werden mich bis zu meinem eigenen Hinscheiden auf den Weg bringen und auf dem Weg bleiben lassen. Für alles, was ich noch vorhabe. Und ich hab schon noch einiges vor. Das wird alles von Familie handeln - die zwei, drei Geschichten, die mir vielleicht noch vergönnt sein werden. In meiner Stockholmer Rede kommt auch eine Andeutung einer dieser Geschichten vor."

Peter Handke hat davon gesprochen, der Nobelpreis werfe ein willkommenes "Zusatz-Licht" auf sein Schaffen. Sieht er durch die wieder aufgeflammte Diskussion rund um seine Haltung im Jugoslawien-Krieg sein Werk nun in ein schlechtes, ein falsches Licht gerückt? "Natürlich wird es jetzt vorübergehend einen Schatten bekommen. Ich bin kein Prophet, aber die Schatten werden nicht bleiben. So war es ja auch immer mit den anderen Sachen, dem Ibsen-Preis, dem Heine-Preis. Danach war so eine seltsame Periode, als ob nie etwas geschehen wäre. Ich wurde dort und dort Ehrenbürger, ich habe die Goldene Nadel von Kärnten bekommen, ich wurde überall eingeladen. Es war, als ob nichts passiert wäre. Und es ist ja auch nichts passiert, in dem Sinn. Diesmal ist es natürlich noch extremer, es ist eben der Nobelpreis. Das ist auch ein gutes Zeichen, dass so viel Stunk entsteht. Wir werden sehen. Was mich betrifft, kann ich Ihnen hoch und heilig versprechen, dass ich versuchen werde, meine Sprachspur weiter auszuüben und zu erweitern und noch mehr Licht zu geben. Dramatisches Licht, natürlich!"

Dramatisch ist auch die Stimmungsänderung des Nobelpreisträgers, als klar wird, dass der Gast nun über die zuletzt in der Öffentlichkeit breit diskutierten Themen ebenso intensiv sprechen möchte wie über das bisher Besprochene. "Ich habe es ein bisschen satt darüber zu reden, denn es gibt für mich im Grunde nichts zu sagen", wehrt Handke zunächst ab. "Ich werde aber agieren ab und zu. Ich stelle mir einiges vor, was ich machen könnte - das werden Sie vielleicht noch erleben. Nichts Böses. Vielleicht, dass mir eine Idee von Versöhnlichkeit kommt. Eine Idee der Wirklichkeit."

Noch ist Handke jedoch keineswegs versöhnlich gestimmt. Ein Insistieren auf dem Thema, als Teil der Wirklichkeit, quittiert er mit dem Verweis auf den auf dem Tisch liegenden zweiten Aufsatzband der "Handke-Bibliothek": "Wenn noch ein Journalist zu mir kommt und dieses Thema anschneiden möchte, werde ich verlangen, dass er alle Aufsätze, Essays, Reiseberichte, Reflexionen und Erzählungen zu Jugoslawien Wort für Wort gelesen hat. Sonst spreche ich mit keinem Journalisten mehr. Das bitte ich Sie zu verlautbaren", sagt er und besteht - Einwände ignorierend, man habe sehr wohl den Großteil dieser Arbeiten erneut gelesen - darauf, die Titel vorzulesen: "Abschied des Träumers vom Neunten Land". "Eine Winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien", "Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise", "Unter Tränen fragend", "Rund um das große Tribunal", "Die Tablas von Daimiel", "Die Kuckucke von Velika Hoca" und "Die Geschichte des Dragoljub Milanovic". "Das ist Literatur. Das ist das Realste von allem im Schmutzigsten, was es gibt: der Sprache", sagt der Autor und revidiert das zuvor verwendete "verlangen": "Ich WÜNSCHE mir, dass dieser Band genauso gelesen wird im Rhythmus meiner anderen Sachen. Ich wünsche mir, dass man das darf und nicht sofort geschmäht oder als Irrwitziger angesehen wird, wenn ein Mensch wie ich versucht, mit Sprache, mit Rhythmus Relationen zu setzen. Das ist Literatur."

Das bestreitet auch der Gast nicht und versucht das Gespräch auf viele ihm bekannte begeisterte Handke-Leser zu bringen, die sich dennoch klärende Worte des Autors in der Causa wünschten, er spricht von "großen Verletzungen", die offenkundig bei Menschen im Laufe der Debatte durch Verhalten und Äußerungen Handkes entstanden seien. Das ist dem Gastgeber zu viel. Rasch steht ein Interview, das Handke zuvor als "angenehmes Gespräch, wirklich subtil und fein", empfunden hat, vor dem Abbruch. Er ist sich sicher: "Wenn irgendetwas bestehen bleiben wird von Geschriebenem zu diesen vom Westen verantworteten Kriegen - im Westen sind die Hauptschuldigen -, wenn da irgendwas bleiben wird, dann werden das meine Sachen sein."

Eine Frage nach seinem 1999 ausgestellten jugoslawischen Reisepass bringt das Fass endgültig zum Überlaufen. "Das ist doch geklärt worden, das ist ein Gefälligkeitspass zum Reisen innerhalb des Landes!" Ihm derartige Fragen in seinem eigenen Haus zu stellen, empfindet der Gastgeber als ungehörig, das ist überdeutlich. "Jetzt hören wir auf. Ich bitte Sie, das Haus zu verlassen. Das ist ja unglaublich." Wenige Minuten später wirft Handke das Gartentor mit dem Satz "Ich will Sie in Stockholm nicht sehen" hinter seinem Gast zu. Dort werden ihn aber wohl ähnliche Fragen bei der internationalen Pressekonferenz erwarten. Sie wird als Auftakt der Veranstaltungen im Vorfeld der Nobelpreisverleihung am 6. Dezember stattfinden. An Peter Handkes 77. Geburtstag.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

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