22. Januar 2020 12:26

Politik

Pflegeallianz will weg vom "familienbasierten System"

Pflegearbeit soll künftig weniger von Familien organisiert werden, fordert die "motiv.allianz.pflege". Das Bündnis, dem Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter sowie Berufs- und Fachverbände angehören, forderte die Bundesregierung am Mittwoch auf, das Pflegesystem zu professionalisieren. Dazu brauche es eine Ausbildungsoffensive, die Attraktivierung des Pflegeberufs und mehr Geld.

"950.000 Menschen sind mehr oder weniger in die Pflegebetreuungsleistung eingebunden. Die demographische Entwicklung zeigt uns, dass dieses familienbasierte System nicht tragfähig sein wird", sagte der Präsident des Bundesverbands Lebenswelt Heim, Markus Mattersberger, im Hinblick auf die älter werdende Bevölkerung. Prognosen zufolge werde es 2050 bis zu 1,2 Millionen über 80-Jährige geben - um 700.000 mehr als jetzt. Dem gegenüber stünden immer mehr Single-Haushalte, weniger junge Menschen, die nachkommen, sowie mehr berufstätige Frauen (die momentan den Großteil der häuslichen Pflege leisten).

Der Bundesregierung gestand Mattersberger zu, die Herausforderung erkannt zu haben. Die "Absichtserklärungen" müssten "mit Substanz gefüllt werden". Die Vertreter der Allianz wünschen sich daher, in die von Sozialminister Rudolf Anschober (Grüne) angekündigte Task Force zur Pflegereform eingebunden zu werden.

Erfreut zeigten sich die Anwesenden bei der Pressekonferenz über die von der Regierung geplante Schaffung einer Höheren Lehranstalt für Sozialbetreuung und Pflege, die fünf Jahre dauern und mit Matura abschließen soll. Ein diesbezüglicher Schulversuch war am 15. Jänner im Ministerrat beschlossen worden. Die Ausbildung sei "ein wichtiger Schritt, um junge Menschen zu gewinnen, weil sie einen direkten Anschluss an das Regelschulsystem schafft", sagte die Präsidentin des Gesundheits- und Krankenpflegeverbands (ÖGKV), Ursula Frohner.

Derzeit können junge Menschen erst ab 17 eine Pflegeausbildung beginnen. Es gibt drei verschiedene Ausbildungsschienen: eine einjährige Ausbildung zur Pflegeassistenz, eine zweijährige Ausbildung zur Pflegefachassistenz sowie eine dreijährige Ausbildung mit Bakkalaureat. "Betreute wünschen sich, dass sich professionelle Pflegekräfte um sie kümmern", begründete Frohner die Notwendigkeit einer qualitätsvollen Ausbildung. Zusätzlich wünscht sie sich, dass Quereinsteiger vollen Zeit- und Lohnausgleich während des Umstiegs bekommen.

Wenn die Menschen ausgebildet sind und als Pfleger arbeiten, sollen sie auch im Feld bleiben, wenn es nach der "motiv.pflege.allianz" geht. Laut Josef Zellhofer vom Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) beträgt die Durchschnittsverweildauer in der Pflegearbeit nur sieben Jahre. Zellhofer zufolge hätten Frauen, die nach der Karenz wieder in den Beruf einsteigen wollen, das Gefühl, in der Pflege nicht mehr firm zu sein. Daher brauche es Förderprogramme, um diese Menschen wieder "mit ins Boot zu holen". Zellhofer fordert zudem neue Arbeitszeitmodelle: "Die Jugendlichen sind nicht mehr bereit, 48 Stunden oder 60 Stunden zu arbeiten." Auch Silvia Rosoli von der Arbeiterkammer stimmte mit ein: "Das Wesentliche sind die Arbeitsbedingungen. Diese kommen im Regierungsprogramm gar nicht vor." Zellhofer sieht die Arbeitsbedingungen als größtes Problem des Pflegeberufs. Erst danach kämen die fehlende Wertschätzung seitens der Gesellschaft sowie die Bezahlung.

Um die notwendigen Maßnahmen umzusetzen, müsse die Regierung Geld in die Hand nehmen. Laut Zahlen der OECD gibt der österreichische Staat 1,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukt (BIP) für Langzeitpflege aus. Der OECD-Schnitt beträgt 1,7 Prozent. Rosoli pocht daher auf mehr Geld. "Investitionen in soziale Dienstleistungen sind immer sinnvoll. Sie entlasten Angehörige, vor allem Frauen." Investiert werden sollte sowohl in mobile Dienste als auch in die stationäre Pflege. Eine mögliche Pflegeversicherung als vierte Säule der Sozialversicherung sahen die Teilnehmer der Pressekonferenz skeptisch. Diese würde die Lohnnebenkosten erhöhen. Außerdem sei die Sozialversicherung an die Erwerbsarbeit gebunden. "Die Pflege tritt erst mit 80 plus ein und hat mit Erwerbsarbeit wenig zu tun", sagte der Geschäftsführer der Sozialwirtschaft Österreich, Walter Marschitz.

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