8. Januar 2020 11:05

Sport

Quarterback-Phänomen Lamar Jackson beschäftigt Amerika

Das Erfolgsgeheimnis von Lamar Jackson liegt in den ungewöhnlichen Trainingseinheiten seiner Mutter. Als der aktuelle Star-Quarterback acht Jahre alt war, spielte Felicia Jones mit ihrem Sohn im Garten Football und brachte diesen immer wieder hart zu Boden. Langsam lernte Jackson, den Tackles der Ex-Basketballerin auszuweichen - und ist nun mit seiner Beweglichkeit die größte Attraktion der NFL.

Mit den Baltimore Ravens als bestem Team der regulären Saison der National Football League (NFL) trifft der 23-Jährige im Play-off-Viertelfinale in der Nacht auf Sonntag (2.15 Uhr MEZ/live Puls 4, ProSieben und DAZN) auf die Tennessee Titans und peilt nicht weniger als den 13. Sieg en suite an. "Ich denke nicht einmal darüber nach", sagte Jackson auf die Frage, ob diese Saison ohne Finalteilnahme eine Enttäuschung sei. "Wir haben so ein großartiges Jahr. Wir wollen in den Super Bowl, deshalb habe ich gar nichts anderes im Kopf."

Jacksons Geschichte ist ein typisch amerikanisches Sportmärchen. Als er acht Jahre ist, sterben sein Vater bei einem Verkehrsunfall und seine Großmutter am selben Tag. Seine Mutter erkennt und fördert früh das sportliche Talent ihres Sohns. "Sie hatte eine Vision für meine Footballkarriere, bevor ich überhaupt dran gedacht habe", schrieb er 2016 in einem offenen Brief.

Inzwischen können selbst die besten Verteidiger Jackson nur mit großer Mühe bremsen. Vor seiner zweiten NFL-Saison arbeitete er an seinen Pässen - mit Erfolg: Jackson warf im Grunddurchgang 36 Touchdowns (Liga-Bestwert) und erlaubte sich dabei nur sechs Würfe, die die gegnerische Verteidigung abfing.

Sein besonderes Talent ist aber, dass er auch kaum zu stoppen ist, wenn er den Football selbst trägt. Mit 1.206 erlaufenen Yards erzielte Jackson in dieser Saison einen Quarterback-Rekord für die NFL-Geschichte. Zum Vergleich: Altmeister Tom Brady vom bereits entthronten Titelverteidiger New England Patriots lief - auch aufgrund seines anderen Spielstils - in 20 Jahren für ganze 1.037 Yards.

Dieses besondere Talent sorgte aber früh für Zweifel an Jackson als Spielmacher. Er kam als College-Phänomen in die NFL, wurde jedoch von fragenden Stimmen begleitet, ob er aufgrund seiner Schnelligkeit nicht besser als Ballfänger oder Läufer geeignet wäre. Als er das erste Mal fünf Touchdowns in einem NFL-Spiel geworfen hatte, kommentierte Jackson dies deshalb sarkastisch: "Nicht schlecht für einen Running Back."

Die Nachrichtenagentur AP sah durch die Kritiker ein altbekanntes rassistisches Narrativ im Football in den USA bestätigt: Dass schwarze Quarterbacks ihr Erfolg wegen überlegener athletischer Fähigkeiten zugeschrieben werde, während weiße Spielmacher für ihre angebliche mentale Stärke und Arbeitsethik gelobt werden. "Er will unbedingt gewinnen", charakterisiert Ravens-Quarterback-Coach James Urban seinen Topmann. "Wenn du eine großartige Einstellung hast, du talentiert bist und hart daran arbeitest, siehst du die Ergebnisse."

Im NFL-Draft 2018 wurde Jackson hinter vier weißen Quarterbacks erst am Ende der ersten Runde ausgewählt, widerlegte bisher aber alle Zweifler und steht für einen Trend: Der 23-Jährige dürfte nach Cam Newton (2015) und Patrick Mahomes (2018) als dritter Quarterback mit afroamerikanischen Wurzeln in den vergangenen fünf Jahren zum wertvollsten Spieler (MVP) gewählt werden.

Das Internetportal "The Undefeated" deklarierte diese Saison bereits als "Das Jahr des schwarzen Quarterbacks". Neben Jackson sind auch Mahomes (Kansas City Chiefs), Russell Wilson (Seattle Seahawks) und Deshaun Watson (Houston Texans) mit ihren Teams noch im Play-off-Rennen. "Die rassistischen Stereotype hängen an lebenserhaltenden Maßnahmen", kommentierte AP. "Es ist an der Zeit, sie endgültig zu beenden."

Neben den Fähigkeiten von Jackson vertrauen die Ravens auch im Team auf das beste Laufspiel der Geschichte, verbesserten sie doch mit 3.296 Yards eine 41 Jahre alte NFL-Bestmarke. Schon in seiner Rookie-Saison hatte Jackson die Ravens in die Play-offs geführt, war aber vor einem Jahr in der ersten Runde mit 17:23 an den Los Angeles Chargers gescheitert. "Ich habe es wirklich gehasst. Ich will darüber nicht mehr reden. Ich kann es nicht erwarten, diese Woche zu spielen", sagte Jackson nun. Dann soll es für ihn wieder wie in den jüngsten zwölf NFL-Spielen laufen. Und am 2. Februar soll in Miami mit dem Super-Bowl-Triumph die Krönung folgen.

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