20. November 2019 16:23

Chronik

Sohn von Ex-Bundespräsident von Weizsäcker im Wahn getötet

Ein wahnhafter Hass auf die durch zahlreiche Persönlichkeiten bekannte Familie von Weizsäcker soll das Motiv für den tödlichen Messerangriff auf den Berliner Chefarzt Fritz von Weizsäcker gewesen sein. Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin beantragte nach der Vernehmung des 57-jährigen mutmaßlichen Angreifers am Mittwoch dessen Unterbringung wegen Mordes und versuchten Mordes in einer Psychiatrie.

Der Fall löste auch in der deutschen Bundesregierung Entsetzen aus. Der Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker war seit 2005 Chefarzt der Abteilung für innere Medizin der Schlosspark-Klinik im Berliner Stadtteil Charlottenburg. Am Dienstagabend hielt der Spezialist für Lebererkrankungen dort einen öffentlich zugänglichen Vortrag.

Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft reiste der spätere mutmaßliche Mörder aus seiner Heimat in Rheinland-Pfalz am Dienstag mit dem Zug nach Berlin zu diesem Vortrag. Er soll "in einer wohl wahnbedingten allgemeinen Abneigung" gegen die Familie von Weizsäcker gehandelt haben.

So soll er im Vorfeld der Tat im Internet recherchiert haben und dabei auf den Vortrag gestoßen sein. Bevor er startete, soll er sich noch in Rheinland-Pfalz das spätere Tatmesser gekauft haben.

Am Dienstagabend soll der Angreifer zunächst im Zuschauerbereich den Vortrag fast bis zum Schluss verfolgt haben. Er sei dann zum Podium gegangen und soll dort von Weizsäcker in den Hals gestochen haben - dieser starb noch am Dienstagabend an den Folgen des Stichs.

Potenziell lebensgefährlich verletzt worden sei ein 33 Jahre alter Polizist, der außerhalb seines Diensts privat unter den Zuhörern saß und den Angreifer überwältigen wollte. Nach einer Operation soll der Beamte wieder außer Lebensgefahr sein.

Wie der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, sagte, begutachtete noch am Mittwoch ein Psychiater den Angreifer. Nach dem vorläufigen Ergebnis hat dieser eine akute psychische Erkrankung. Deshalb sei auf einen Antrag auf Haftbefehl verzichtet und die Unterbringung beantragt worden.

"Es gibt keine persönliche Beziehung zwischen dem Beschuldigten und dem Getöteten", sagte Steltner. Details zu der allgemeinen Abneigung des Verdächtigen gegen die Familie von Weizsäcker wollte Steltner nicht nennen. Der Tatverdächtige soll vor der Attacke polizeilich nicht aufgefallen sein.

Die Bundesregierung reagierte bestürzt auf die Tötung des Sohns des ehemaligen Bundespräsidenten. Dies sei "ein entsetzlicher Schlag für die Familie von Weizsäcker", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe ihr Mitgefühl ausgedrückt.

Auch ein Sprecher des Bundesinnenministeriums sagte, der tödliche Messerangriff auf von Weizsäcker sei "mit Entsetzen" zur Kenntnis genommen worden. Zu möglichen Schutzmaßnahmen für Angehörige früherer Bundespräsidenten wollte er auf Nachfrage keine Angaben machen.

Kurz nach der Tat drückte FDP-Chef Christian Lindner im Kurzbotschaftendienst Twitter seine Trauer aus: "Mein Freund Fritz von Weizsäcker wurde heute Abend in Berlin erstochen - ein passionierter Arzt und feiner Mensch." Er sei "fassungslos" und müsse "meine Trauer teilen".

Die Schlosspark-Klinik legte ein Kondolenzbuch aus. Die Mitarbeiter und die Teilnehmer des Vortrags erhalten der Klinik zufolge psychologische Unterstützung. Geschäftsführer Mario Krabbe erklärte, mit von Weizsäcker habe die Klinik "einen hervorragenden Arzt und überaus geschätzten Kollegen verloren".

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