28. Januar 2020 20:50

Chronik

Sorge vor Ausbreitung des Coronavirus wächst

Mit Reisebeschränkungen für seine Staatsbürger will China auch global eine Ausbreitung der neuartigen Lungenkrankheit verhindern. Die Zahl der Infizierten in der Volksrepublik stieg bis Dienstag auf mehr als 4.500. Die Gesamtzahl der Todesfälle stieg auf 106. In Wien gab es unterdessen einen neuen Verdachtsfall. Zwei Flugzeuge sollen Hunderte EU-Bürger laut EU-Kommission aus Wuhan holen.

Bei der betroffenen Person wurden eine milde Symptomatik festgestellt, wie es aus dem Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) hieß. Die chinesische Staatsbürgerin, eine Touristin, wurde erst an der Rudolfstiftung in der Notfallaufnahme behandelt und wurde dann in der Medizinischen Abteilung des KFJ aufgenommen. Die Frau stammt aus der südchinesischen Provinz Guangdong und klagte über Halsschmerzen.

Die beiden vorherigen Coronavirus-Verdachtsfälle in Wien stellten sich indes als negativ heraus. Es haben sich weder der behandelte Mann noch die Frau mit dem neuen Virus infiziert.

Zwei Flugzeuge sollen EU-Bürger aus der Region in China holen, die am stärksten vom Coronavirus betroffen ist. Die erste Maschine soll nach Angaben der EU-Kommission am Mittwoch in der Früh in Frankreich starten und etwa 250 Franzosen nach Hause fliegen. Das zweite Flugzeug solle im Laufe der Woche folgen und mehr als 100 Europäer aus anderen EU-Ländern heimbringen.

Wie die EU-Kommission mitteilte, hat Frankreich über den europäischen Zivilschutz entsprechende Unterstützung für Europäer in Wuhan und Umgebung gebeten. "Zwei Flugzeuge werden über unseren EU-Zivilschutz-Mechanismus in Gang gesetzt, um EU-Bürger aus der Region Wuhan nach Europa zurückzuholen", berichtete der EU-Kommissar für Krisenmanagement, Janez Lenarcic. Bei Bedarf könne weitere EU-Unterstützung mobilisiert werden.

Die EU finanziert die Transportkosten der beiden Flugzeuge mit. EU-Bürger könnten sich weiterhin melden, wenn sie aus der betroffenen Region heimgeholt werden wollten. Jedoch dürften nur gesunde oder symptomfreie Bürger die Reise antreten.

Weltweit stieg die Zahl der Patienten. Rund 60 Nachweise wurden bisher unter anderem aus den USA, Japan, Südkorea, Kanada, Thailand und Australien gemeldet. Während die Erkrankten im Ausland vorher meist in China waren, wurde wie in Deutschland auch in Japan erstmals ein Fall bekannt, bei der die Infektion direkt im eigenen Land passiert sein muss. Der erkrankte japanische Busfahrer habe Anfang des Monats zwei Gruppen chinesischer Touristen aus der besonders betroffenen Stadt Wuhan gefahren, gab Gesundheitsminister Katsunobu Kato bekannt.

Aus Angst vor einer weltweiten Ausbreitung empfahl die Regierung in Peking am Dienstag allen Chinesen, von Auslandsreisen vorerst abzusehen. "Wenn keine besondere Notwendigkeit besteht, wird empfohlen, den Zeitpunkt der Reise zu verschieben", mahnte Chinas Verwaltung für die Einreise und Ausreise. Hongkong will seine Grenze zur Volksrepublik weitgehend dichtmachen. Alle Zug- und Fährverbindungen werden von Donnerstag um Mitternacht an gekappt.

In Zusammenarbeit mit Chinas Behörden werden alle Individualreisen chinesischer Staatsbürger nach Hongkong ausgesetzt. Zuvor hatte Peking bereits alle Pauschalreisen ins Ausland gestoppt. Die chinesische Sonderverwaltungsregion halbiert zudem die Zahl der Flüge aus China. In Hongkong gibt es acht Infektionen. Auch Taiwan, wo es sieben Fälle gibt, hat Einreisebeschränkungen für Chinesen erlassen. Taiwan vermeldete zudem einen ersten Fall einer Ansteckung mit dem Virus innerhalb des eigenen Landes. Ein Mann steckte sich bei seiner Frau an, nachdem diese von seiner Reise in Wuhan zurückkehrte.

In Bayern haben sich insgesamt vier Menschen mit dem neuartigen Coronavirus aus China infiziert. Wie bei dem ersten deutschen Fall handle es sich um Mitarbeiter des in Starnberg angesiedelten Automobilzulieferers Webasto, teilte das bayerische Gesundheitsministerium am Dienstagabend mit. Insgesamt seien rund 40 Mitarbeiter der Firma ermittelt worden, die als enge Kontaktpersonen der Erkrankten infrage kommen und die am Mittwoch vorsichtshalber getestet werden sollen. Weiters sind in Frankreich vier Infektionen mit dem Virus bestätigt.

Wegen der Lungenkrankheit wollen immer mehr Länder ihre Staatsangehörigen aus der schwer betroffenen Metropole Wuhan zurückholen - so etwa Großbritannien und Belgien, Japan, Frankreich und die USA. Die Bundesregierung bereitet einen Evakuierungsflug vor, um ausreisewillige Deutsche aus Wuhan auszufliegen.

Die Ausbreitung des Coronavirus' könnte nach Angaben eines Experten in rund zehn Tagen ihren Höhepunkt erreichen. Er gehe davon aus, dass die Epidemie "in einer Woche oder rund zehn Tagen einen Höchststand" erreichen werde, sagte der Wissenschafter Zhong Nanshan der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua. Die Verbreitung der Krankheit werde "nicht in großem Umfang ansteigen." Auch wenn weiterhin kein Heilmittel gefunden werde, werde die Sterblichkeitsrate dank lebenserhaltender Geräte und der Anstrengungen des medizinischen Personals "sicherlich weiter sinken", sagte Zhong.

Nach einem Treffen mit Chinas Außenminister Wang Yi in Peking warnte der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, nach offiziellen chinesischen Angaben vor Überreaktionen. Die WHO sei zuversichtlich, dass die chinesische Regierung die Epidemie unter Kontrolle bringe, zitierte ihn das Außenministeriums.

China hatte in den vergangenen Tagen drastische Maßnahmen ergriffen: In der Provinz Hubei wurden 45 Millionen Menschen in mehr als einem Dutzend Städten weitgehend von der Außenwelt abgeschottet. Zur Behandlung der Lungenkranken entsandten Behörden inzwischen fast 6.000 Ärzte und Pfleger aus dem ganzen Land in die Provinz Hubei.

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