24. Oktober 2019 15:25

Politik

Spanischer Diktator Franco unter Protesten exhumiert

Die sterblichen Überreste des spanischen Diktators Francisco Franco sind trotz aller Proteste in seinem gigantischen Mausoleum aus dem Grab geholt worden. Mit einem Hubschrauber wurden die Gebeine des faschistischen Gewaltherrschers (1892-1975) am Donnerstag zu einem "normalen" Friedhof am Nordrand von Madrid geflogen und dort im Familienkreis bestattet.

Die Umbettung war von der sozialistischen Regierung beschlossen worden, weil die gewaltige Grabstätte im "Valle de los Caidos" bisher nicht nur eine Touristenattraktion, sondern auch ein Pilgerort für rechtsextreme Anhänger des Franco-Regimes war. Dennoch galt die Exhumierung lange als unvorstellbar. Von den Oppositionsparteien hagelte es heftige Kritik, sie stößt sich vor allem an dem gewählten Zeitpunkt - nur wenige Wochen vor der erneuten Wahl am 10. November - und bezeichnete die Umbettung als "Show" und "Wahlpropaganda".

Um ein Medienspektakel und Massenproteste zu vermeiden, hatte die Regierung von Ministerpräsident Pedro Sanchez strengste Sicherheitsvorkehrungen angeordnet. Nur 22 Familienmitglieder durften in der höhlenartigen Basilika dabei sein, als die 1,5 Tonnen schwere Grabplatte mit hydraulischen Hebemaschinen hochgezogen wurde. Unter dieser waren die einbalsamierten sterblichen Überreste Francos am 23. November 1975 mit militärischen Ehren begraben worden. Diese wurden dem Diktator nun bei der Umbettung verwehrt - auch die spanische Flagge durfte den Sarg nicht zieren, als er von Angehörigen aus dem Mausoleum getragen wurde. "Nüchtern, diskret und würdevoll" sollte die Aktion sein - so hatte es die Regierung veranlasst.

Franco hatte seine eindrucksvolle Grabstätte, über der ein 150 Meter hohes Kreuz thront, noch zu Lebzeiten von 20.000 republikanischen Zwangsarbeitern unter schwersten Bedingungen in einen Felsen der "Sierra de Guadarrama" treiben lassen. Laut seines Dekrets wollte er damit "der Zeit und dem Vergessen trotzen". Neben Franco wurden hier auch Zehntausende Soldaten und Kämpfer begraben, die auf beiden Seiten des Spanischen Bürgerkrieges (1936-1939) gefallen waren.

Das staatliche Fernsehen berichtete mit einer stundenlangen Sondersendung über die Umbettung, 150 Medien aus aller Welt waren akkreditiert. Innenaufnahmen aus der Basilika waren aber strengstens verboten. Gegen 13.45 Uhr stieg ein weißer Helikopter mit den Gebeinen an Bord genau vor dem mächtigen Granitkreuz in den blauen Himmel und flog den Toten noch einmal an dem Mausoleum vorbei.

Am Friedhof El Pardo-Mingorrubio, auf dem auch Francos Witwe Carmen Polo bestattet ist, hatten sich schon seit dem Morgen mehrere Hundert Anhänger des "Caudillo", des "Führers", versammelt. Dort wurde Franco dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit in einem Familiengrab neben seiner 1988 gestorbenen Frau beerdigt - nach einer Messe unter Leitung des Priesters Ramón Tejero. Der Geistliche ist der Sohn des Oberleutnants Antonio Tejero, der 1981 einen fehlgeschlagenen Putsch in Spanien angeführt hatte.

Immer wieder riefen die Franco-Anhänger "Viva Franco", einige hoben den rechten Arm zum faschistischen Gruß und stimmten Hymnen aus Kriegszeiten an. Auf Spruchbändern war etwa "Lasst Franco in Frieden" zu lesen. Arbeiter, die mit der Exhumierung beauftragt waren, berichteten von Drohungen.

Spanien ist in puncto Franco - nicht nur politisch - nach wie vor ein gespaltenes Land. Während Nostalgiker der Diktatur - wie der Präsident der "Stiftung Francisco Franco", Juan Chicharro, - den Vorgang ein "surrealistisches Spektakel" und "Grabschändung" nannten, feierten Vertreter der Opfervereinigung einen "historischen Tag". Linkspolitiker hatten gesagt, dass es etwa in Deutschland oder Italien "undenkbar" sei, ein solches Grab zu unterhalten. Sanchez betonte am Nachmittag, die "Verherrlichung eines Diktators in einem öffentlichen Raum" sei nicht nur eine "moralische Beleidigung", sondern auch "eine Anomalie in einer europäischen Demokratie" gewesen. Dies habe nun ein Ende.

Nicht nur Rechtsextreme und Familienmitglieder waren in den vergangenen Monaten gegen die Exhumierung zu Felde gezogen. Auch Kirchenvertreter und ranghohe Politiker leisteten Widerstand. Oppositionsführer Pablo Casado von der konservativen Volkspartei (PP) bezeichnete es als "unverantwortlich, bereits geheilte Wunden wieder aufzureißen".

Bis heute ist die Kluft in der Gesellschaft in Folge des von Franco gewonnenen Bürgerkrieges und der brutalen Verfolgung der "Rojos" (Roten) nach Kriegsende spürbar. Vor allem in den Anfangsjahren der Diktatur wurden Hunderttausende verhaftet und nach Schätzungen mindestens 25.000 bis 30.000 Menschen hingerichtet. Eine echte Aufarbeitung der Schreckenstaten gab es nie. Viele Überlebende räumen noch heute Angst vor den "Franquistas" ein.

General Franco hatte nach dem Ende des Bürgerkrieges bis an sein Lebensende Spanien regiert. Nach seinem Tod leitete König Juan Carlos den Übergang zur Demokratie mit ersten freien Wahlen 1977 ein.

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