6. März 2020 12:52

Kultur

Spannende Überforderung: Erste WHW-Schau in Kunsthalle Wien

Im Dickicht des Waldes verliert man den Überblick: Mit "... von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden" präsentiert das neue Leitungskollektiv WHW der Kunsthalle Wien seine erste Ausstellung. Ivet Curlin, Natasa Ilic und Sabina Sabolovic haben rund drei Dutzend Künstler versammelt, die sich auf verschiedene Arten mit Glück auseinandersetzen. Das Ergebnis: spannende Momente und Überforderung.

Es sei "ein Chor der Stimmen", der an beiden Standorten - im Museumsquartier und in der Dependance am Karlsplatz - zu vernehmen ist, wie Ilic bei der Presseführung am Freitag erklärte. Anlässlich der 20-jährigen Tätigkeit als WHW haben die drei Ausstellungsmacherinnen einige Wegbegleiter eingeladen, wollen aber auch neue Positionen vorstellen. Der Titel der Schau ist einem Text des libanesischen Schriftstellers Bilal Khbeiz entnommen, der mit dieser Aufzählung die Vorstellung eines guten Lebens zusammenfasste - und gleichzeitig die Unterschiede zwischen dem Westen und dem Rest der Welt veranschaulichen wollte.

"Was ist in den gut 20 Jahren, seit dieser Text veröffentlicht wurde, passiert?", umriss Ilic eine der zentralen Fragen für die Präsentation. "Wie hat sich die Idee des Kapitalismus verändert?" Seitdem sei viel passiert, von der Finanzkrise bis zum Klimawandel gab und gibt es einschneidende Ereignisse. "Das Versprechen eines erfüllten Lebens hält heutzutage eigentlich nicht mehr, selbst in einer Stadt wie Wien", so Ilic. Die Arbeiten sollen aber nicht die pessimistische Grundstimmung wiedergeben, sondern vielmehr "den Blick in eine Zukunft richten, die wir gemeinsam teilen".

So verbindend dieser Ansatz aus gesellschaftspolitischer Perspektive scheint, so zerfahren ist der Eindruck vor Ort: Die Vielgestaltigkeit der Objekte hat zwar einen gewissen Charme, macht aber die Orientierung und Fokussierung zu einer Herausforderung. Immerhin ist die Eingangssituation im ehemaligen Shop, der ab Herbst als eigene "Exhibition Machine" vorgesehen ist, eine spannendere als zuletzt. Hier liegt beispielsweise "05.02.2020" von Banu Cennetoglu auf, die dafür sämtliche Tageszeitungen Österreichs von diesem Tag in mehreren Bänden binden ließ. Laut WHW sei dies eine Möglichkeit der örtlichen Kontextualisierung für den Start in der Kunsthalle.

Der weitere Pfad wird mittels eigenwilliger Brotkrumen vorgegeben: Vom 2016 verstorbenen Mladen Stilinovic stammen die mit Steinen oder Küchlein versehenen Brotlaibe, die zu den zwei zentralen Hallen führen. Diese auf Marie Antoinette replizierende Arbeit (wenngleich diese das zugrunde liegende Zitat "Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen!" selbst nie geäußert hat) wird gefolgt von seinem "Money Environment", etlichen von der Decke hängenden Euroscheinen und auf dem Boden verteilten Münzen. Als Besucher komme man zwar kurz in Versuchung, "aber letztlich sind diese Scheine ja auch nur Papier", betonte Sabolovic. Vielmehr werde dadurch die Wichtigkeit von Kapital in unserer Gesellschaft untergraben.

In weiterer Folge begegnet man verbeulten Radkappen ("Crash" von Monika Grabuschnigg), ins Absurde geführten Redewendungen rund ums Glück als Stickereien im Erpresserbriefstil (Daniel Spoerris "Fadenscheinige Orakel") oder prominenten Köpfen der Weltgeschichte als Miniaturbüsten ("Heads" von Andreas Siekmann). Gemeinsamkeiten in der Stilistik sind ganz offensichtlich keine Voraussetzung für diese von WHW gemeinsam mit Laura Amann und Aziza Harmel kuratierte Schau, aber selbst die inhaltlichen Referenzen muss man sich als Besucher mühsam erarbeiten.

Dabei haben viele der gezeigten Werke für sich genommen durchaus ihren Reiz: Etwa das Zweikanal-Video "My Ailing Beliefs Can Cure Your Wretched Desires" von Tuan Andrew Nguyen, der sich darin auf poetische Weise mit der Unterdrückung der Tiere durch den Menschen auseinandersetzt. Kevin Jerome Everson holt wiederum "Identifizierte Flugobjekte" in sein atmosphärisch dichtes schwarz-weiß Video, das Erzählungen über UFO-Sichtungen mit ruhigen Bildern seines Geburtsortes kombiniert, wobei die rhythmischen Handbewegungen der gezeigten Personen in Kombination mit dem Soundtrack ein Unbehagen erzeugen.

Der offene Umgang mit der Kunsthalle selbst, den WHW mehrfach angekündigt haben, er zeigt sich vorerst durch Interventionen an Wänden und Stiegenaufgängen - alles wird so zum Spiel- und Schauplatz der Kunst. Grenzen verschwimmen, ungewöhnliche Blickwinkel werden ermöglicht, lassen manchmal aber auch ratlos zurück. Bleibt abzuwarten, ob nach dieser "Visitenkarte", wie es Sabolovic bezeichnete, die weiteren Ausstellungsvorhaben eine konsequentere kuratorische Handschrift tragen. Eröffnet wird "... von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden" am Weltfrauentag (8. März) u.a. mit einer Darbietung des Chors "Hor 29. Novembar", der auf Widerstandslieder spezialisiert ist, sowie einem "Manifest und Zeugnis" von Schriftstellerin Marlene Streeruwitz.

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