14. November 2019 11:45

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Stefan Ruzowitzky: "Ich versuche, Selbstzitate zu vermeiden"

Stefan Ruzowitzky ist ein Filmemacher, der sich immer wieder neuen Herausforderungen stellt. Die APA traf den österreichischen Oscar-Preisträger am Mittwoch am Set seines neuen Films "Hinterland" und sprach mit ihm über Selbstzitate, seine nächsten Filme und die Schwierigkeit, mit Bluescreen zu arbeiten.

APA: Wir sind hier am Set Ihres neuen Films "Hinterland". Was können Sie darüber verraten?

Stefan Ruzowitzky: Es ist eine düstere Kriminalgeschichte, die in einer sehr düsteren Zeit spielt. Die Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg ist das Interessante: Die wilden Zwanziger haben noch nicht begonnen, es gab Hunger, und die Menschen haben gespürt, dass eine Welt zusammengebrochen ist. Weil die Zukunft ungewiss war, gab es eine große Verunsicherung, aus der sehr spannende Dinge entstanden sind. Der Kulturschock war nach dem Ersten Weltkrieg offensichtlich viel größer als nach dem Zweiten Weltkrieg, denn da wollte man einen Deckel drauf geben und nichts mehr davon wissen. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden hingegen Surrealismus, Dadaismus und diese ganzen großen Umbrüche sowie politische Bewegungen. Das ist eigentlich die viel interessantere Zeit.

APA: Am Set ist jetzt ausschließlich Bluescreen zu sehen, aber "Hinterland" soll eine surreale Ästhetik bekommen?

Ruzowitzky: Die Idee war, dass unser Held aus der Kriegsgefangenschaft in diese Welt zurückkommt, sich dort nicht zurechtfindet und man seine Perspektive einnimmt: Alles ist schief und falsch, nichts ist mehr gerade und stabil. Das machen wir digital. Man sieht dann schon Häuser und Straßen, die wir in Wien fotografiert und gefilmt haben, sie sind aber verzerrt, und nichts passt mehr. Das ist ein bisschen die digitale Version von "Das Cabinet des Dr. Caligari", da hat man dasselbe mit gebauten Kulissen gemacht. Unsere wenigen gebauten Kulissen sind auch schief. Zusätzlich sind dann noch die eingespielten Hintergründe schief und verkehrt. Es ist ein spannendes Experiment, etwas zu tun, das ich so noch nie gemacht habe. Wir haben alle schon mit Bluescreen-Technik gearbeitet, aber das sind üblicherweise nur Set-Erweiterungen, wie beim Glockenturm, wo ich hinter dem Fenster später etwas einsetzen kann. Aber so etwas wie hier, wo man nur im großen Blau steht, habe ich noch nie gemacht.

APA: Ist die Arbeit mit so viel Bluescreen schwieriger, als mit realen Kulissen?

Ruzowitzky: Man muss besser vorbereitet sein. An einer richtigen Location hat man mehr Freiheit. Da kann man improvisieren und Dinge spontan ausprobieren. Hier muss alles genau geplant sein und erfunden werden. Im Bluescreen-Set ist ja nichts, was einen inspiriert, oder wo man eine interessante Perspektive finden kann. Die muss man sich bauen. Man muss vorher wissen, welche Perspektive man will. Es ist also auf eine Weise mehr Arbeit. Mit den Schauspielern klappen die Dreharbeiten besser, als erwartet. Die können SEHR gut damit umgehen. Wenn man on Location dreht, muss man sowieso immer etwas abstrahieren, man hat hinter seinem Spielpartner auch die Kamera und die Crew.

APA: Zuvor kommt im Jänner aber erst Ihre Adaption von Hermann Hesses "Narziss und Goldmund" in die Kinos. Wie haben Sie den Stoff bearbeitet?

Ruzowitzky: Das ist einerseits der Versuch, etwas sehr extrem zu machen und dabei Hesse treu zu bleiben. Andererseits ist es auch ein Versuch, großes Gefühlskino zu machen. Ich weiß jetzt schon, dass es manche für kitschig halten werden, das ist es aber meiner Meinung nach nicht. Man muss weinen, oder hat wenigstens einen Frosch im Hals, weil alles so schön und traurig ist. Genauso wie "Die Hölle" rasant war, ist "Narziss und Goldmund" das große Gefühl. Ich glaube, dass es danach auch ein Bedürfnis gibt. Das ist keine kitschige Welt in dem Sinne, dass da alles heil und gut ist. Ganz im Gegenteil, - es passieren ja schreckliche Dinge. Aber es ist eine sehr unzynische Einstellung zum Leben - im Buch und im Film. Wie auch im wirklichen Leben findet man immer etwas, an dem man sich erfreuen kann oder worüber man glücklich sein kann.

APA: Kann man ihre Arbeit zusammenfassen mit "Hauptsache intensiv"?

Ruzowitzky: Es geht darum, immer ein bisschen zu den Limits zu gehen und nicht immer einen sicheren Weg zu beschreiten. Wenn man Action machen will, dann aber richtig, und wenn man Gefühl machen will, dann aber hallo! Das ist das Interessante, das einen immer frisch hält. Wenn man etwas, mit dem man Erfolg hatte, bis ans Ende aller Tage reproduzieren will, ist das nicht lustig. Ich versuche, Selbstzitate zu vermeiden.

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