4. März 2020 09:08

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Stefan Ruzowitzky: "Seinen Weg muss jeder selbst finden"

Am 12. März kommt mit "Narziss und Goldmund" der neue Film des österreichischen Oscarpreisträgers Stefan Ruzowitzky in die Kinos - eine Hermann-Hesse-Adaption. Im APA-Interview spricht der Regisseur und Drehbuchautor über die Macht der Freundschaft, seine ihren Rollen gleichenden Hauptdarsteller und den Grund, warum das Drehbuch nicht an Hesses Worten "kleben" musste.

APA: Worum geht es für Sie im Kern in "Narziss und Goldmund"?

Stefan Ruzowitzky: Es geht um zwei Freunde, die gemeinsam im Mittelalter auf eine Klosterschule gehen. Dann trennen sich die Wege, weil klar wird, dass der eine (Goldmund, Anm.) so gar nicht für das Kloster geschaffen ist. Er geht dann hinaus in die Welt, wird Künstler, Frauenheld, erlebt das Leben in all seiner Pracht und Vielfalt. Der andere Freund (Narziss, Anm.) bleibt im Kloster und wird Abt. Dann treffen sie sich wieder, und diese Freundschaft existiert noch genauso wie damals, als sie sich getrennt haben.

APA: Was fasziniert Sie an dieser Geschichte?

Ruzowitzky: Diese Idee einer großen Freundschaft. Dass man einen Menschen hat, egal von welchem Geschlecht, mit dem man eine tiefe Verbindung, ein tiefes Verständnis und Vertrauen hat. Und dass das auch anhält, wenn man ganz unterschiedliche Lebenswege geht, wenn man sich jahrelang nicht sieht. Diese Hesse-Erzählung ist sozusagen ein Monument, das die Macht der Freundschaft feiert.

APA: Wie frei waren Sie bei der Interpretation des Buches? Wie viel Hesse steckt im Film?

Ruzowitzky: Da steckt schon sehr viel Hesse drin. Ich habe aber das Gefühl gehabt, man wird Hesse gerechter, wenn man einige Dinge für ein heutiges Publikum übersetzt, als wenn man meint, am Wort kleben zu müssen. Es gibt eine Szene, da ist die Pest ausgebrochen, und Goldmund trifft auf ein jüdisches Mädchen, deren Familie im Zuge eines Pogroms ermordet wurde. Diese Szene wird heute, nach der Erfahrung des Holocausts, anders verstanden als im Jahr 1930. Dessen muss man sich bewusst sein, und man muss respektvoll und demütig eingreifen.

APA: Was wurde bei dieser Szene verändert?

Ruzowitzky: Hier wurden Akzente gesetzt. Größere Veränderungen habe ich bei den Frauen gemacht. Goldmund zieht in die Welt und begibt sich auf die Suche nach Freiheit und freier Liebe. Da ist Hesse in dieselbe Falle getappt, in die auch die Hippies getappt sind, nämlich, dass man freie Liebe nur aus einer männlichen Perspektive gesehen hat. Die Frauen haben dann bereitzustehen, um am Wegesrand gepflückt zu werden. Ich habe - und ich behaupte, das wäre Hesse recht gewesen - diese Frauenfiguren stärker gemacht. Die wollen alle was, und manche wollen auch nur Goldmunds schönen Körper für eine heiße Nacht.

APA: Was soll das Publikum aus Ihrem Film mitnehmen? Gibt es eine "Moral von der Geschicht'"?

Ruzowitzky: Ich glaube, was das Buch und hoffentlich auch der Film schaffen, ist, dass Menschen beginnen, über das eigene Leben, den eigenen Weg nachzudenken. Es geht um die Entscheidung, was der bessere Weg ist: der kopfgesteuerte analytische, bei dem man sichere Distanz zu Versuchungen und Sünden hält, oder dieses ganz Instinktive, mit Gebrüll rein in jeden Unfug. Bin ich wie Goldmund, der zwar viel erlebt hat, sich aber fragt, ob davon überhaupt irgendwas geblieben ist? Narziss sagt währenddessen, er habe nie wirkliche Liebe erfahren, weil er sich nie eingelassen hat auf die Dinge, die in der Welt passieren. Eine allgemeingültige Moral gibt es nicht. Seinen Weg muss jeder selbst finden.

APA: Sowohl Jannis Niewöhner, der Goldmund spielt, als auch Sabin Tambrea, der Narziss verkörpert, haben davon gesprochen, sich mehr mit Goldmund zu identifizieren. Wie haben Sie das empfunden?

Ruzowitzky: Ich behaupte, die beiden entsprechen wirklich hundertprozentig ihren Rollen. Jannis Niewöhner betritt den Raum, und die Sonne scheint. Er ist immer gut aufgelegt, liebt alle Menschen, und alle Menschen lieben Jannis. Sabin ist viel reflektierter, der Intellektuellere, Analytischere, ein bisschen distanzierter. Auch die beiden haben natürlich Anteile von beiden in sich, aber mein Narziss ist schon ein ziemlicher Narziss, mein Goldmund ein richtiger Goldmund. Die Darsteller und die Rollen sind sehr deckungsgleich, danach suche ich immer. Denn man bekommt die größte Wahrhaftigkeit und Intensität, wenn man sagt: "Sei wirklich wie du bist, zeig uns deine Gefühle, deine Emotionalität."

APA: Welche Projekte stehen bei Ihnen nach "Narziss und Goldmund" an?

Ruzowitzky: Ich habe zwischenzeitlich schon gedreht. "Hinterland", ein Film, wo alles in der Bluebox ist, ein "Kabinett des Dr. Caligari" im Digitalzeitalter. Wir haben auch eine tolle Besetzung mit Murathan Muslu, Matthias Schweighöfer und Liv Lisa Fries. Optisch wird das sehr speziell mit diesen expressionistisch verzerrten Räumen und Bildern von Wien, darauf freue ich mich schon. Erscheinen wird der Film wahrscheinlich Anfang nächsten Jahres, vielleicht auch schon Ende dieses Jahres.

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