30. Dezember 2019 09:51

Politik

Südkorea führt zivile Alternative zu Wehrdienst ein

Südkorea führt einen seit langem geforderten Zivildienst für Wehrdienstverweigerer aus Gewissensgründen ein. Südkoreaner, die aus religiösen oder anderen persönlichen Überzeugungen den Pflichtwehrdienst verweigern, können demnach von Beginn des nächsten Jahres an einen dreijährigen Dienst in einer Justizvollzugsanstalt antreten. Die neue Regelung stößt allerdings auf heftige Kritik.

Das teilte das Verteidigungsministerium in Seoul am Montag. Der Zivildienst wird damit bei weitem länger als der Militärdienst sein, der in Südkorea je nach Waffengattung 21 bis 24 Monate dauert.

Das südkoreanische Parlament hatte am Freitag das Gesetz verabschiedet. Es folgte damit einer Entscheidung des Verfassungsgerichts vom vergangenen Jahr, wonach bis Ende 2019 eine Regelung eingeführt werden müsse. In fast jedem Jahr wurden bisher Hunderte Wehrdienstverweigerer zu Haftstrafen verurteilt, die 18 Monate lang oder länger sein konnten. Die meisten Betroffenen waren oder sind Mitglieder der christlichen Glaubensgemeinschaft Zeugen Jehovas.

Das Urteil der Verfassungsrichter wurde damals von den Gruppen, die sich für die Rechte der Wehrdienstverweigerer einsetzten, begrüßt. Doch kritisierte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International in einer Reaktion auf den Parlamentsbeschluss, dass Wehrdienstverweigerer aus Gewissensgründen durch die jetzige gesetzliche Regelung "weiterhin bestraft und stigmatisiert" würden. "Menschen darauf einzuschränken, in einem Gefängnis zu arbeiten, und das fast zweimal so lang wie beim normalen Militärdienst, respektiert nicht ihr Recht auf Gedanken-, Gewissens-, Religions- oder Glaubensfreiheit", sagte der Ostasien-Forscher bei Amnesty, Arnold Fang. Mit 36 Monaten ist laut Amnesty der alternative Dienst in Südkorea der längste weltweit.

Seit 1950 waren knapp 20.000 Wehrdienstverweigerer in Südkorea in Haft. Die südkoreanische Armee ist auf die Einberufung von Wehrpflichtigen angewiesen. Letztere werden häufig an der Grenze zu Nordkorea stationiert. Beide Länder befinden sich seit dem Korea-Krieg (1950-53) noch immer offiziell im Kriegszustand, weil damals lediglich ein Waffenstillstand, aber kein Friedensabkommen vereinbart wurde.

Viele junge Südkoreaner leben während des Präsenzdienstes zum ersten Mal in ihren Leben für längere Zeit von ihren Eltern getrennt. Es gibt nur wenige Tage Urlaub. In der Armee der früheren Militärdiktatur Südkorea herrscht Strenge. Der Sold fällt äußerst gering aus; zum Mittagessen hat man zehn Minuten Zeit. Dass Rekruten von Vorgesetzten verprügelt werden, ist laut Beobachtern verbreitet.

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