17. März 2020 21:32

Chronik

Tiroler Orte Sölden und St. Christoph unter Quarantäne

Nachdem vergangene Woche in Tirol St. Anton am Arlberg und die Paznauner Gemeinden Galtür, Ischgl, Kappl und See unter Quarantäne gestellt worden sind, haben die Behörden nun zwei weitere Skiorte in Tirol isoliert. Bis inklusive 2. April werden der bekannte Tourismusort Sölden im Ötztal sowie St. Christoph am Arlberg gesperrt. Die polizeilichen Checkpoints wurden Dienstagabend errichtet.

"Uns liegen drei positive Testungen von Personen aus Sölden vor, wo wir wiederum nicht ausschließen können, dass ein Bezug zu einer Schirmbar hergestellt werden kann", sagte Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) in einer Aussendung. Daher sei eine Isolierung Söldens "unabdingbar".

St. Christoph - Teil der bereits gesperrten Gemeinde St. Anton am Arlberg - wurde auch von den Maßnahmen erfasst. Nach einem Ärztekongress waren mehrere Personen am Virus erkrankt. In der angrenzenden Vorarlberger Nachbargemeinde Lech am Arlberg wurden an einem Tag fünf Personen positiv getestet. Das Land Vorarlberg stellte am Dienstag die Gemeinden Lech, Zürs, Stuben, Warth und Schröcken unter Quarantäne.

Das nur rund 40 Einwohner zählende St. Christoph gilt als Nobelskiort am Arlberg. Sölden dagegen ist mit den Ortschaften Gurgl, Zwieselstein, Heiligkreuz und Vent die flächenmäßig größte Gemeinde Österreichs. Platter rief jene Menschen, die in den vergangenen zwei Wochen in den betroffenen Gebieten waren, dazu auf, sich freiwillig daheim zu isolieren.

Zuvor hatte die Abreise der Gäste aus den Tiroler Wintersportorten Ischgl sowie St. Anton kurz nach Verkündung der Unter-Quarantäne-Stellung am vergangenen Freitag weiter für Wirbel gesorgt. Wie "Der Standard" berichtete, sollen nicht nur Hunderte Urlauber in Innsbruck gelandet sein, sondern sich viele auch über andere Regionen Tirols verteilt haben.

So habe laut dem Bericht Freitagabend eine Gruppe von 159 Urlaubern aus St. Anton in einem Hotel im Tiroler Oberland eingecheckt. Sie sollen eine Nacht geblieben sein, um am Samstag ihren Rückflug in Innsbruck anzutreten. Dem Hotel sollen dafür pauschal 3.000 Euro bezahlt worden sein. Von wem, sei bisher unklar. Das Personal befindet sich nun in freiwilliger Selbstisolation in einem anderen Hotel.

Auch in Lech am Arlberg sowie im Zillertal reisten den Recherchen zufolge am Freitag Gäste aus den Quarantänegebieten an. Im Zillertal sei dies vereinzelt und hauptsächlich im Privatzimmerbereich passiert. Schon am Wochenende war in Medienberichten unter Berufung auf Hoteliers von Hunderten Fluggästen die Rede, die in Innsbruck gestrandet sein sollen. Die Stadt sprach daraufhin lediglich von vier Urlaubern, die statt auszureisen in die Landeshauptstadt gekommen seien.

Die Tiroler Polizei berichtete der APA von "einzelnen Fällen". Es habe sich um Fluggäste gehandelt, die sich nach Bekanntwerden der Maßnahmen in Bewegung gesetzt hatten. Zu diesem Zeitpunkt sei die Infrastruktur für die Kontrollen in den Quarantäne-Regionen noch in der Aufbauphase gewesen. Es sei aber "keineswegs" dazu gekommen, dass "flächendeckend und massenweise" Touristen am Freitag in die Landeshauptstadt gekommen waren, um dort zu schlafen.

Auch seitens der Verantwortlichen in den Orten selbst wies man jede Verantwortung zurück. Der Geschäftsführer des Tourismusverbandes St. Anton am Arlberg, Martin Ebbster, dementierte gegenüber dem "Standard" vehement, dass es aktive Hilfe für die betroffenen Urlauber seitens des TVB gegeben haben könnte, sich anderswo Zimmer zu suchen. Die Situation sei am Freitag derart chaotisch gewesen, dass man dazu gar keine Zeit gehabt hätte. Man sei damit beschäftigt gewesen, den Urlaubern die erforderlichen Passierscheine auszustellen, damit diese ihre Heimreise antreten konnten.

Alles Weitere sei Sache der Behörden gewesen, die diese Abreise eigentlich hätten kontrollieren sollen. Stellungnahmen des Landes und der Stadt standen am Dienstag auf APA-Anfrage noch aus. Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP) sah in der "ZIB 2" des ORF Montagabend jedenfalls keine Fehler der Behörden und stellte auch Angaben über Hunderte Gäste in Abrede, die etwa nach Innsbruck gekommen seien. Überdies sah er auch eine Eigenverantwortung der Gäste gegeben. Man habe mit ihnen mit Formularen vereinbart, dass sie "zügig durch Tirol und Österreich durchfahren" und sich daheim zwei Wochen in Quarantäne begeben.

FPÖ-Bundesparteiobmann Norbert Hofer Gesundheitsminister nahm Rudolf Anschober (Grüne) in die Pflicht und verlangte eine Stellungnahme des Ministers ob des "Skandals". "Dieser Skandal schadet Österreich nachhaltig. Ich erwarte mir dazu endlich eine Stellungnahme von Gesundheitsminister Rudolf Anschober, der sich als verantwortliches Regierungsmitglied mit Sicherheit über alle Details informiert hat", erklärte Hofer. Das gestrige - "eher hilflos wirkende" - Interview von Tilg in der "ZIB 2" lege den Verdacht nahe, dass dieser nun der Öffentlichkeit als "Bauernopfer" präsentiert werden soll.

Tirols SPÖ-Chef Georg Dornauer will nicht so lange warten. Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP) sei mit der aktuellen Situation überfordert und mit seinen eigenen Fehlentscheidungen beschäftigt, so der Tiroler SPÖ-Vorsitzende. "Er muss mit sofortiger Wirkung abberufen werden", verlangte Dornauer. Es brauche jetzt Experten im Gesundheitsressort.

Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) wies jede Kritik am Vorgehen der Behörden in Ischgl zurück. Man habe in der jeweiligen Situation das "Menschenmöglichste" getan, betonte Platter. Zudem sei der Virus ja nicht in Ischgl entstanden, fügte er hinzu. Auch bei der Ausreise, die teilweise offenbar chaotisch abgelaufen sein dürfte, habe man das Möglichste getan, um eine geordnete Abreise zu gewährleisten, meinte der Landeschef. Es seien immerhin tausende Touristen im Paznauntal gewesen.

Man müsse im Nachhinein die Abläufe "auf den Prüfstand stellen und klären, was besser gemacht werden hätte können", räumte Platter später ein. "Wir werden das auch rasch aufarbeiten müssen", meinte der Landeshauptmann. Leider könne niemand "das Buch von hinten lesen". Alles richtig zu machen sei angesichts dieser Krise nicht möglich. Nachdem die Situation überstanden wurde, müsse Tirol "daraus Lehren für die Zukunft ziehen". In seinen Augen seien Entscheidungen "schnell" getroffen worden und "sehr radikal" - "aber diese Kompromisslosigkeit rettet am Ende Leben", so der Landeshauptmann.

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