26. November 2019 11:26

Kultur

Volksliedwerk arbeitet eigene Geschichte auf

Mit einem mehrjährigen, fortlaufenden Forschungsprojekt widmet sich das Österreichische Volksliedwerk der eigenen Geschichte. Am Dienstag wurden in Wien erste Ergebnisse präsentiert, die sowohl im Jahrbuch als auch dem Österreichischen Musiklexikon veröffentlicht werden. "Es geht nicht nur um eine kritische Analyse, sondern auch um Reflexion", so Josef Pühringer, Präsident des Volksliedwerks.

Damit bezog sich der ehemalige oberösterreichische Landeshauptmann auf die Lehren, die man daraus ziehen könne. "In dem Sinne: Was bedeutet das für die Zukunft des Volksliedwerks, was müssen wir berücksichtigen und wie sehen allfällige Konsequenzen aus?" Der Auftrag sei ein "umfassender und durchaus heikler", wurde das Volkslied doch immer wieder in die Geschehnisse der Zeit einbezogen, verwies Pühringer etwa auf den Nationalsozialismus. "Ziel dieses umfangreichen und in mehreren Medien publizierten Editionsprojekts ist es, institutionsgeschichtliche Lücken zu schließen und die Institutionen und handelnden Personen einer kritischen Analyse und Reflexion zu unterziehen."

Ausgegangen war das Projekt von einem Ausstellungsvorhaben über die Geschichte des Volksliedwerks im 20. Jahrhundert, das 2013 in der Nationalbibliothek geplant, allerdings nicht realisiert wurde. "Diese Idee wurde aber genutzt für diesen 'Work in Progress'", erläuterte Erna Ströbitzer vom Volksliedwerk-Archiv. In einer ersten Stufe wurden die Sommerakademien 2017 und 2018 zum Themenschwerpunkt "Erbschaft. Traditionslinien und Prägungen" durchgeführt, woraus sich in weiterer Folge wissenschaftliche Referate und Texte entwickelten. Als Basis dafür dienten auch unzählige, in den Archiven gesichtete Dokumente und Korrespondenzen, die aufgearbeitet und verfügbar gemacht wurden. Gefragt zum zeitlichen Horizont des Forschungsprojekts, meinte Ströbitzer: "Es wird eine Lebensaufgabe, das aufzuarbeiten."

Erste im Jahrbuch publizierte Texte behandeln die Geschichte der Volkskultur Niederösterreich nach dem Zweiten Weltkrieg, das Tiroler Volksliedarchiv wird wiederum in den ersten drei Jahrzehnten seines Bestehens ab 1905 beleuchtet. "Ein biografischer Einblick" wird zudem auf das Schaffen des Volksliedforschers Emil Karl Blümml (1881-1925) geworfen. Barbara Boisits vom Institut für kunst- und musikhistorische Forschungen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, das mit dem Volksliedwerk kooperiert, betonte die Bedeutung der Aufarbeitung der eigenen Geschichte. "Das wurde in der Musikforschung ganz generell lange vernachlässigt."

Auf die jüngste Liederbuch-Affäre angesprochen, erklärte Pühringer, dass besonders kritisierte Lieder "nichts mit uns als Volksliedwerk zu tun haben. Da gibt es keine Berührungspunkte." Grundsätzlich gelte es aber, die Thematik differenziert zu betrachten. "Es gibt durchaus Stücke, die man heute nicht mehr singt, weil sie missbraucht wurden - aber nicht, weil das Lied per se schlecht ist". Auch Ströbitzer und Boisits sprachen sich für eine transparente, die historische Kontextualisierung einbeziehende Behandlung aus. "Was aber gar nicht geht, ist der Versuch, solche Lieder für bestimmte Zwecke zu gebrauchen, um irgendwelche Assoziationen zu wecken", unterstrich Pühringer.

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