10. Januar 2020 08:14

Kultur

Volkstheater zwischen Sanierung und Zwischennutzung

Vorsichtig lösen Arbeiter den Holzrahmen aus einer Saaltür des Volkstheaters, während weitere Männer ein Stockwerk höher Heizkörper und Waschbecken in den Künstlergarderoben demontieren. Es herrscht reges Treiben im Haus, das nach einigen Verzögerungen seit kurzem endlich saniert wird. Im Ausweichquartier im Museumsquartier wird unterdessen eifrig geprobt. Ein Lokalaugenschein im Zwischenstadium.

Im dunklen Zuschauerraum der Halle E sitzt bei einem APA-Besuch Regisseur Alexander Charim hinter einem Pult und überwacht die Lichtprobe für die Uraufführung von David Schalkos "Schwere Knochen". Die Premiere weiht am Mittwoch (15. Jänner) die angemietete Zwischenspielstätte ein. Das Volkstheater-Gefühl versucht man auch in den Monaten des temporären Asyls zu generieren: So wurde am vorderen Bühnenrand ein Rahmen eingebaut, der exakt den Maßen jenes Portals entspricht, der die Bühne im Volkstheater einfasst. Auch eine Drehbühne bietet die Halle E, in der man sonst etwa im Rahmen der Wiener Festwochen hochkarätiges Theater kredenzt bekommt. Mit 600 Sitzen wird man hier dem Publikum etwas weniger Platz bieten als im Volkstheater, das mit 850 Sesseln ausgestattet ist.

Bis vor kurzem probte das "Schwere Knochen"-Ensemble noch in Wien-Alsergrund, wo man direkt hinter dem Franz-Josefs-Bahnhof in der Althanstraße einen großen Raum im weitläufigen Co-Working-Space "The SocialWorkHUB" bezogen hat. Hier steht noch das provisorisch angedeutete Bühnenbild der Produktion, das aber demnächst der Probenarbeit für "Urfaust / FaustIn and out" weichen muss, in dem Berenice Hebenstreit Goethe auf Jelinek treffen lässt. Kleinere Produktionen wie etwa jene für die Bezirkstouren werden unterdessen nahe dem Haupthaus in der Faßziehergasse geprobt. Dort haben sich mittlerweile auch zahlreiche Volkstheater-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einquartiert: So sitzen Vertreter von Kommunikation und Dramaturgie in der bisher als Depot und Proberaum genutzten riesigen Altbauwohnung, in die Holzverschalungen eingebaut wurden, um einzelne Räume für die jeweiligen Einheiten zu schaffen. Den Einrichtungsstil könnte man dabei durchaus als "shabby-chic" bezeichnen. Die Mitarbeiter, die sich gerade in einem Raum zum Mittagessen zusammengefunden haben, vergleichen ihre temporäre Arbeitssituation mit einer Wohngemeinschaft.

Ein paar Räume weiter residiert nunmehr Volkstheater-Direktorin Anna Badora in einem Zimmer, das sonst als Künstlerwohnung genützt wird. In der "Nebenwohnung" hat sich ihre Referentin Clara Gallistl neben Küchenzeile und Couch hinter ihrem großen Schreibtisch niedergelassen. Im Erdgeschoß indes bereitet sich Kay Voges ebenfalls auf einer ehemaligen Probebühne auf seinen Wien-Einsatz vor. Andere Kollegen wie etwa der Technische Direktor Michael Mayerhofer sitzen allerdings in Büros im Museumsquartier. Stolz zeigt Mayerhofer beim Lokalaugenschein auf der Volkstheaterbühne auf die Südseite des Hauses, auf der sich hinter der Seitenwand der Bühne derzeit noch die Künstlergarderoben befinden. Hier entsteht demnächst ein fünf Meter hoher und bühnenbreiter Durchbruch zur künftigen Anlieferung etwa von Bühnenbildern sowie eine Seitenbühne. Mit gequältem Lächeln führt er den bisherigen - ebenso schmalen wie niedrigen - "Transporthub" an der Bühnenrückwand vor, durch den bis dato die Anlieferung stattfand.

An der künftigen Seitenbühne können nach der Wiedereröffnung, die wohl erst Ende des Jahres stattfinden wird, gleich zwei Lkw andocken. Dafür wird derzeit auch außerhalb des Theaters Platz geschaffen. Dort, auf Seite des Museumsquartiers, soll im 1907 entstandenen Zubau auch ein öffentlich zugängliches Cafe mit Schanigarten entstehen. Dafür wird auch der große Kastanienbaum neben dem Volkstheater gefällt, die danebenstehende Platane wird bleiben. Im Untergeschoß zieht die Küche ein, die auch die hauseigene Kantine beliefern wird.

Zurück im Inneren des Hauses, wo die anstehenden Veränderungen auch in der Unterbühne bereits zu sehen sind, erklärt der Technische Direktor die täglichen Herausforderungen des Großprojekts. So habe die Planung für die Sanierung noch unter der derzeitigen Direktorin Anna Badora stattgefunden. Doch der erst im Juni 2019 vorgestellte neue Direktor Kay Voges habe "mit seiner Art, Theater zu machen", teils ganz andere Anforderungen - etwa an die Bühnentechnik. Hier gelte es, tragfähige Lösungen zu finden, ohne das knappe Sanierungsbudget von rund 27 Mio. Euro zu sprengen.

Unterdessen gehen die Arbeiten "backstage" weiter. Die Räume von Requisite, Werkstatt und Co. sind bereits ausgeräumt, vereinzelt finden sich noch abgewrackte Küchenzeilen und in den Garderoben stehende Spinde, überall wird gebohrt, getragen und - zumindest von jenen, die unter Voges noch am Haus arbeiten werden - von der Zukunft geträumt. Das Publikum wird an der Außenfassade allerdings auf die Gegenwart verwiesen: "Weiter links! Wir spielen in der Halle E (MQ)", heißt es da. Doch nur bis zum 25. April. Dann zieht das Volkstheater wieder aus dem Museumsquartier aus und spielt bis zum Ende der Saison nur noch im Volx/Margareten, wo u.a. "Urfaust / FaustIn and out", "Körper-Krieg" oder Florentina Holzingers "Wir Hungerkünstler/innen" auf dem Programm stehen. Durch die Bezirke tourt dann auch "Warten auf Godot". Dann heißt es: Warten auf Kay Voges.

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