19. Oktober 2019 18:31

Chronik

Vorwürfe bei Organspenden gegen Wiener AKH

Das Wiener AKH sieht sich mit Vorwürfen wegen des Verdachts des Verstoßes gegen Regeln bei Organspenden konfrontiert. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtete am Samstag von einem Fall, in dem an einer griechischen Patientin binnen vier Stunden eine Lungentransplantation durchgeführt wurde, obwohl die Wartezeit auf ein Spenderorgan eigentlich Monate dauert. Das AKH will die Vorwürfe prüfen.

Die Frau, die an einer Lungenhochdruckerkrankung litt, wurde laut "Süddeutscher Zeitung" am 8. Oktober gegen 14.00 Uhr von Ärzten des AKH auf die Warteliste gesetzt. Als gegen 18.00 Uhr eine Spenderlunge von der Organverteilungsstelle Eurotransplant angeboten wurde, schlugen die Wiener Ärzte binnen fünf Minuten zu. Dieses Tempo sei ungewöhnlich: Da die Verteilungskriterien von Eurotransplant sehr streng sind, müssen Patienten in der Regel monatelang auf ein Spenderorgan warten, einige Patienten sterben während dieser Zeit sogar. Durchgeführt wurde die Operation dann vom Leiter der Chirurgie, Walter Klepetko, der auch Niki Lauda eine Lunge transplantiert hat. Hier stehen nun Vorwürfe der Bereicherung im Raum, da Ärzte bei ausländischen Patienten weit höhere Summen einnehmen würden, als bei Österreichern.

Die Medizinische Universität Wien und das AKH distanzierten sich in einer Aussendung von Anschuldigungen "auf Basis unvollständiger Informationen und unlegitimiert weitergegebener, interner Unterlagen und Daten". In jedem Fall würden die erhobenen Vorwürfe äußerst ernst genommen und einer weiteren Prüfung unterzogen werden. "Die Medizinische Universität Wien und das AKH Wien halten selbstverständlich alle international vereinbarten Regularien ein", hieß es.

Die Aktivitäten des Lungentransplantationsteams am AKH Wien/MeduniWien wären zudem Ende 2017 einem umfassenden Audit durch einen von Eurotransplant anerkannten externen Experten unterzogen worden und "es wurde dabei in allen Bereichen ein korrektes Vorgehen attestiert". "Es werden auch die jetzt behaupteten Vorwürfe überprüft."

Das Wiener Lungentransplantationsteam habe über Jahre den strukturierten Aufbau neuer Transplantprogramme in anderen Ländern durchgeführt und Patienten aus diesen Ländern transplantiert. Die Gesamtbilanz des Organaustausches war dabei immer positiv, was u.a. zu einer Senkung der Wartelistenmortalität für Österreicher auf lediglich 1,3 Prozent geführt habe.

Als "massive Verzerrung und Missinformation der Öffentlichkeit", bezeichnete Walter Klepetko, Chef der Universitätsklinik für Chirurgie von MedUni Wien und AKH am Samstag gegenüber der APA Medien-Darstellungen zu Wiener Hilfsprogrammen für mittel-, süd- und osteuropäische Lungentransplantations-Aktivitäten.

Klepetko, der in Wien eines der größten Zentren für Lungentransplantationen weltweit aufgebaut hat: "Wir haben seit Jahrzehnten an der Entwicklung von Lungentransplantationsprogrammen in Nachbarländern geholfen. Das ist öffentlich, publik und transparent - auch gegenüber der Eurotransplant - dargestellt worden. Wir waren maßgeblich daran beteiligt, dass Tschechien, Ungarn und Slowenien solche Programme haben. In Griechenland wurde der Start mit Lungentransplantationen im Juni mit unserer Hilfe vom Gesundheitsminister angekündigt. Die österreichische Botschafterin in Griechenland hat uns dazu gratuliert."

Dass es im Fall der 47 Jahre alten griechischen Patientin, die in Wien die Lunge aus Griechenland erhalten hatte, zu Unregelmäßigkeiten gekommen sei, wies Klepetko zurück: "Das ist nicht richtig. Die Patientin wartete extrem dringlich auf eine Lunge wegen schnell fortschreitenden Lungenhochdrucks. Wir hatten die griechischen Chirurgen eineinhalb Jahre lang ausgebildet. Das erste für eine Transplantation in Athen zur Verfügung gestandene Organ war gerade für diese Patientin passend. Aber wegen der in diesem Fall extremen Komplexität des Eingriffes sahen sich sowohl die griechischen Kollegen als auch wir nicht in der Lage, damit das neue Programm in Athen mit einem derart schwierigen Fall zu starten."

Das weitere Vorgehen sei dokumentiert und vollständig nachzuvollziehen, betonte der Wiener Chirurg: "Mein Team wurde von den griechischen Kollegen ersucht, diese Patientin ausnahmsweise noch in Wien zu transplantieren. Ich habe dem nur zugestimmt, wenn das aus Griechenland stammende Organ bei Eurotransplant (Verteilungszentrum für mehrere europäische Länder; Anm.) angemeldet würde. Das war transparent, nachvollziehbar und erfolgte nach allen gültigen Regeln. Aufgrund der Kriterien stand dieses aus Griechenland stammende Organ schließlich auch wirklich für den Eingriff an dieser Patientin zur Verfügung."

Die Kranke wurde nach Wien geflogen. Ein Wiener Chirurgenteam unterstützte die griechischen Ärzte bei der Organentnahme und -Vorbereitung. "Dann flog das Team wieder nach Wien, die Patientin erhielt die Lunge transplantiert", schilderte Klepetko.

"Wir haben in den vergangenen Jahren aus Griechenland um 22 mehr Lungen von Spendern erhalten als für griechische Patienten transplantiert wurden. Das alles lief über Eurotransplant", sagte Klepetko gegenüber der APA.

Klar sei, dass das Wiener AKH den Krankenversicherungen der ausländischen Patienten die Kosten für die Eingriffe in Rechnung stelle. "Das können je nach Krankenhausaufenthaltsdauer 70.000 oder 100.000 Euro sein. Das gesamte Ärzteteam erhält für den enormen Mehraufwand solcher Aktionen 17.000 Euro. Davon erhalte ich 20 Prozent, zwölf Prozent bekommt das AKH als Beitrag zur Infrastruktur, der Rest geht an das gesamte Team. Das ist ein völlig legaler und transparenter Prozess. Es zahlen die Krankenversicherungen der jeweiligen Länder, nicht die Patienten", sagte Klepetko.

Die Vorwürfe rufen scharfe Kritik vonseiten der griechischen Transplantationsspezialisten hervor. In einem Brief an die europäische Transplantationsorganisation Eurotransplant wird Aufklärung über die aktuelle Diskussion gefordert und die Unterstützung durch das Wiener Zentrum betont.

Insgesamt habe man über den Zeitraum von zwei Jahrzehnten mit dem Programm in enger Kooperation mit Nachbar-, osteuropäischen und südosteuropäischen Staaten für Österreich eine positive Bilanz erreicht. "Dadurch ist es gelungen, dass bei uns die Sterberate von Patienten auf der Warteliste für eine Lungentransplantation bei nur 1,3 Prozent liegt. Das einer der niedrigsten Werte weltweit." Am Wiener AKH werden pro Jahr rund hundert Lungentransplantationen vorgenommen. "Wir werden bald bei 2.000 derartigen Eingriffen angelangt sein", betonte der Chirurg.

© APA