8. November 2019 07:13

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Wagenhofer: "Habe keine Zeit mehr für Pessimismus"

Erwin Wagenhofer kommt mit einem neuen Dokumentarfilm in die Kinos. Etablierte sich der 58-Jährige mit "Let's Make Money" oder "We Feed The World" als großer Mahner, zeigt er mit "But Beautiful" Lösungswege aus den aktuellen Krisen auf. Aus diesem Anlass sprach der Regisseur mit der APA über sein Leben als Possibilitist, warum er Filme macht wie andere rauchen und warum es immer Alternativen gibt.

APA: Täuscht der Eindruck, dass Sie bewusst antizyklisch arbeiten? In Zeiten, in denen noch alles gut zu laufen schien, traten Sie als Mahner in Erscheinung und nun, in der vieles aufbricht, kommen Sie mit einem optimistischen Werk ins Kino...

Erwin Wagenhofer: Das kann zwar so sein. Aber ich arbeite in Wahrheit ganz anders: Die Filme kommen zu mir. Auch wenn es "Filmemacher" heißt, ist das ein Machbarkeitswahn, der zum Scheitern verurteilt ist. Ein Film muss gelingen, den kann man nicht machen.

APA: Wie kommt ein Film zu Ihnen?

Wagenhofer: In diesem Fall hat sich das über viele Jahre eingeschlichen. "Es gibt keine Alternative" von Maggie Thatcher ist der dümmste Spruch, den ich kenne: Das Leben bietet immer eine Alternative. Nur der Tod nicht. Ich wollte Alternativen aufzeigen und Menschen, die sich bereits auf den Weg gemacht haben.

APA: Hat sich in den vergangenen Jahren auch Ihr persönlicher Standpunkt verändert?

Wagenhofer: Natürlich habe ich mich verändert. Das einzige Konstante ist die Veränderung. "But Beautiful" ist das Komplizierteste, das ich je gemacht hat. Das Komplizierte daran ist, dass es am Ende nicht kompliziert aussehen darf. Es muss locker und flockig daherkommen. Der Film der Filmemacher ist ja nicht der wichtige. Der wichtige ist jener, der in den Köpfen und Herzen der Menschen ausgelöst wird.

APA: Sie haben dieses Mal im Schnitt deutlich spielerischer gearbeitet als in den vorherigen Arbeiten. Stand da der Jazz Pate?

Wagenhofer: Ich beneide die Kollegen von der Musik sehr. Ich wollte früher Musiker werden, habe aber erkannt, dass es nicht das Meine ist. Ich kann die innere Stimme nicht übertragen, sondern nur vom Blatt spielen. Im Idealfall kommt die Musik bei aller Vorbereitung zu Dir. Und im Film ist das ähnlich. Man kann einen Film vergewaltigen oder man kann verführen. Letzteres ist mir klarerweise wesentlich lieber.

APA: Wie definieren Sie Ihre Rolle als Filmemacher in diesen Prozessen der Veränderung?

Wagenhofer: Ich glaube ja nicht, dass Filmemachen etwas Besonderes ist. Thomas Bernhard hat einmal gesagt: "Ich schreibe, wie jemand anderes raucht." Und ich fühle mich wie jemand, der raucht. Film macht nur Sinn, wenn er eine inspirierende Kraft entfaltet. Sonst ist er nur Unterhaltung - was auch okay ist, wenn das Wort Haltung hier mitbedacht ist. Wir brauchen stattdessen das Lebendige. Es gibt zu viele Menschen, die nur mehr vegetieren. Da gibt es etwa die Berechnung, dass vor 100 Jahren in Niederösterreich der Bauer eine Kalorie an Dünger aufs Feld getragen hat und 16 ernten konnte. Heute trägt er elf aufs Feld und erntet eine. Das Lebendige ist vertrieben worden!

APA: Bezeichnen Sie sich selbst als einen Optimist?

Wagenhofer: Ich habe keine Zeit mehr für Pessimismus. Ich war immer Possibilitist. Ich habe immer gewusst, es ist möglich. Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben. Der Mensch kann so weit über sich hinausgehen, aber wir sind lieber mit den einfachen Dingen erfolgreich als mit den großen Ideen zu scheitern. Es wäre einfach, die Lösungen für die Welt zu finden - die sind alle schon vorhanden. Wir wollen sie aber nicht.

APA: Sehen hier vor allem das Bildungssystem als Schuldigen?

Wagenhofer: Die Bildung und das Wirtschaftssystem. Wir sind die ganze Zeit profit- und nicht lebensorientiert. Im Sport ist das insofern noch ehrlicher, weil Bayern München nicht gegen FC Gänserndorf spielt. In der Wirtschaft konkurriert der österreichische Bauer aber mit dem afrikanischen Bauern. Als wenn Eddy Merckx gegen einen 100-jährigen Einbeinigen fährt. Sowas wird aber bei uns unterrichtet! Aber jetzt tauchen auf einmal diejenigen auf wie Greta Thunberg, die noch nicht durch eine Universität verdorben sind...

APA: Sind die Änderungen, die Sie fordern, im System des Kapitalismus überhaupt machbar?

Wagenhofer: Sicher! Machen Sie ein Geschäft mit der Gesundheit, nicht mit der Krankheit. Im alten China gab es ein Medizinsystem, bei dem der Arzt von den Gesunden bezahlt wurde, nicht vom Kranken. Was war die Folge? Der hat tunlichst geschaut, dass alle gesund sind! Ich habe auch nichts gegen Luxus - den finde ich super. Aber der größte Luxus ist der der eigenen Meinung. Den muss man sich erst einmal leisten können!

APA: Können diese Veränderung als Evolution passieren oder nur als Revolution?

Wagenhofer: Wir müssen die Lösungen in uns suchen, nicht im außen. Die großen Herausforderungen können wir zugleich nicht mehr alleine lösen: Wir können das Klima nicht an der ungarischen Grenze aufhalten. Ich glaube auch nicht, dass der Mensch aufhören würde zu arbeiten, wenn es ein Grundeinkommen gäbe. Es gäbe vielleicht viel mehr, die die Wüste begrünen wollen. Die Ausnahme ist nicht der gute Mensch. Die Ausnahme ist der schlechte Mensch. Konkurrenz, Niederhauen - das entspricht ja nicht unseren eigentlichen Werten! Das ist uns aufgepfropft worden. So sind wir nicht auf die Welt gekommen.

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