25. Januar 2020 05:44

Chronik

Wenn Rumäninnen in Österreich pflegen

"Ich hatte Schmerzen, Tränen und die Hoffnung, dass es morgen besser wird", sagt Vasilina Ciobanu. Die 62-jährige Rumänin ging zehn Jahre lang als Altenpflegerin ins Ausland. Sie verdiente zwar das Dreifache, hatte aber Heimweh und musste ihre Kinder zurück lassen. Während diese Pflegerinnen in Österreich gebraucht werden, leiden ihre Familien in der Heimat. Dort nimmt die Altersarmut weiter zu.

"Das Wohlstandsgefälle zwingt die Frauen in andere Länder zu gehen", sagt Caritas-Präsident Michael Landau bei einer Pressereise durch Rumänien. Oft werden die Kinder bei Verwandten - bei den Großeltern, Tanten, Onkeln oder älteren Geschwistern - untergebracht, während die Frauen in westeuropäischen Ländern eine Arbeit übernehmen. Doch die lange Trennung wird für die Familie zur Herausforderung. Die Kinder vermissen ihre Mutter und die Verwandten, die die Fürsorge übernommen haben, sind mit der Situation meist überfordert und den erzieherischen Herausforderungen nicht gewachsen.

Die Mutter des neunjährigen Alin arbeitet etwa in der 24-Stunden-Pflege in Linz. Über eine Agentur fährt sie alle paar Woche mit dem Bus von Bacova nach Österreich. Währenddessen kümmern sich die Tanten um Alin und seine drei Geschwister. Das jüngste Kind ist erst ein Jahr alt. Wenn die Schwestern von Cristina Simion-Tanasie keine Zeit haben, übernimmt auch mal Alins 16-jährige Schwester die Betreuung. Der Bub kennt es nicht anders, seine Mutter fährt seit 2011 zum Arbeiten nach Westeuropa. Ob er etwas über Österreich weiß? "Nein, aber Mama hat mir aus Österreich Schokolade mitgebracht. Eine Schokolade mit Haselnüssen."

Alle paar Wochen verbringt die Mutter zwar die Zeit zu Hause, doch durch die Trennung wirkt Alin viel erwachsener als andere Kinder in seinem Alter. "Ich vermisse meine Mutter sehr, skype mit ihr jeden Tag", sagt der Bub ganz leise. "Wenn sie wieder kommt, kocht Mama wieder gebratene Kartoffeln" - Alins Lieblingsessen. Durch ihren Verdienst hat die 37-Jährige ihren Kindern Fahrräder kaufen können. "Ich fahre gerne damit spazieren", lächelt Alin.

Der Bub gehört zu den laut Schätzungen mehreren 100.000 Kindern in Rumänien, die mit mindestens einem im Ausland lebenden Elternteil aufwachsen und zu sogenannten Euro-Waisen wurden. Das nationale Bildungsministerium geht von 159.000 betroffenen Kindern aus, doch hier wurden nur die Schulkinder gerechnet. Die Dunkelziffer ist vermutlich doppelt so hoch. In der von der Caritas betriebenen Kindertagesstätte "Casa Pater Berno" in Bacova hat Alin eine zweite Heimat gefunden. Die Kinder kommen nach der Schule, bekommen eine warme Mahlzeit, machen ihre Hausaufgaben und können mit Schicksalsgefährten spielen.

Den Kleinen soll so ein "Ort der Sicherheit" geboten werden, hält Caritas-Präsident Landau fest. Die Hilfsorganisation unterstützt derzeit weltweit rund 70 Kinderzentren, 44 davon in Osteuropa. Mit einer Spende von 30 Euro kann das Essen eines Kindes in der "Casa Pater Berno" für ein ganzes Monat finanziert werden.

Das Armutsrisiko in Rumänien liegt bei mehr als 40 Prozent, bei den Kindern liegt der Wert sogar bei über 50 Prozent. Der Durchschnittslohn liegt bei 660 Euro monatlich. Zum Vergleich: Laut Arbeiterkammer liegt das Durchschnitts-Einkommen in Österreich bei 2.270 Euro brutto. Der Mindestlohn in Rumänien beträgt gar nur 460 Euro, wie der Geschäftsführer der Caritas Timisoara, Herbert Grün, betont. Grund genug, dass so viele Menschen durch ihre prekäre Situation ihr Glück in Westeuropa versuchen. Nach Angaben des Nationalen Statistikinstituts haben zwischen 2015 und 2017 rund 620.000 Rumänen das Land auf Suche nach Arbeit verlassen.

"Wer in Österreich in Pflegeeinrichtungen und Spitäler geht, weiß, ohne Pflegepersonal aus anderen Ländern würde das System zusammenbrechen", meint Landau. 43,2 Prozent der legalen Pflegekräfte in der Personenbetreuung in Österreich kommen aus Rumänien. Die Dunkelziffer ist jedoch höher. Die Caritas, die auch auf rumänische Arbeitskräfte zurückgreift, will aber auch, dass die Kinder dieser Frauen und deren Angehörige nicht unter dieser Arbeit leiden.

Deshalb wurde 2007 der Verein "Caritas Rundum Zuhause betreut" gegründet, um Betreuungskräfte für eine legale 24-Stunden-Betreuung zu vermitteln. Laut Landau sind hier Qualitätskriterien und Rahmenbedingungen geschaffen worden, dass rumänische Pflegerinnen alle paar Wochen nach Hause kommen können und nicht monatelang von ihren Familien getrennt sind. Auch sollen die Pflegekräfte nicht allzu junge Kinder daheim haben, eine Situation wie es der kleine Alin aus Bacova erleben musste.

Die zu Jahresbeginn in Kraft getretene Reform der österreichischen Familienbeihilfe, deren Höhe nunmehr an die Lebenserhaltungskosten des Wohnorts des Kindes angepasst wird, bedeutet auch für Familien aus Rumänien deutliche Einbußen. Die europäische Kommission hat in der Causa vor einem Jahr ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Österreich eingeleitet.

"Durchaus kritisch" wurde die Indexierung auch von der Caritas gesehen, sagt Landau. Der Grundbetrag der Familienbeihilfe beträgt derzeit 114 Euro pro Kind. Für ein Kind, das in Rumänien lebt, erhalten Eltern künftig nur mehr 56,20 Euro. Das bedeutet, sie verlieren die Hälfte. Landau bat die neue Bundesregierung, sich diese Regelung noch einmal anzusehen, "ob diese Indexierung den Frauen fair gegenüber ist".

Nicht nur in Österreich steigt jedoch die Zahl von pflegebedürftigen alten Menschen, auch in Rumänien wird die Bevölkerung immer älter. Pensionistenheime gibt es wenige und sind für die meisten nicht leistbar. Umgerechnet 200 Euro kostet ein Platz im Heim. Die Mindestrente beträgt jedoch gerade 145 Euro.

Ein Beispiel für extreme Altersarmut ist Anna Coca. Sie ist 92 Jahre alt und hat ihr ganzes Leben in Petrosani in einer notdürftig zusammengebauten Hütte mit nur einem Zimmer gelebt. Ihr Lebensgefährte und ihr Sohn sind bereits tot, ihre Schwiegertochter schwer krank. Da sie nie verheiratet war, offiziell nie gearbeitet hat und keine Unterstützung von ihrer Familie erwarten kann, lebt sie von umgerechnet 20 Euro pro Monat.

In ihrer Hütte steht ein Bett, eine Couch, eine Kommode und ein Kasten. Die Toilette ist im Hof. Im Eck des Hauses steht ein Holzofen. Bis vor kurzem hat Anna Coca das Holz dafür selbst gehackt. Doch sie bekam Schmerzen in der Schulter und ging zum Arzt. Der behandelte nicht nur die Schulter, sondern informierte die Caritas, dass die Frau ohne Betreuung in ihrem Haus lebt. Seitdem kommt jede Woche ihre Betreuerin Melinda über den unwegsamen Schotterweg, sieht nach dem rechten und erinnert Anna Coca an die Tabletteneinnahme.

Auf die Frage, ob sie denn nicht lieber in ein Heim gehen möchte, meinte die 92-Jährige: "Ich möchte hier nicht raus." Sie sei hier geboren und möchte hier sterben. An ihren Wänden hängen Fotos aus der Vergangenheit. Erzählungen über ihre Liebsten treiben ihr Tränen in die Augen. Sie betet täglich zu Gott, dass sie nicht bettlägerig wird.

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