16. November 2019 10:35

Kultur

"Wer hat meinen Vater umgebracht"-Premiere im Volkstheater

"Wer hat meinen Vater umgebracht" oder doch "Das Ende von Eddy"? Im Volkstheater hat sich Regisseurin Christina Rast an die deutschsprachige Erstaufführung von Edouard Louis' in Frankreich 2018 erschienener Abrechnung mit seinem Vater und der französischen Sozialpolitik gemacht und sich dabei auch ordentlich am "Eddy"-Erstling (2014) bedient. Herausgekommen ist ein fesselnder, kluger Theaterabend.

Wer sich in den Kosmos des französischen Literatur-Shootingstars Edouard Louis begeben will, hat derzeit allerhand Gelegenheiten: Erst vor wenigen Tagen feierte am Schauspielhaus Wien die Österreichische Erstaufführung des Romans "Im Herzen der Gewalt" in der Regie von Hausherr Tomas Schweigen als Drei-Personen-Stück Premiere, am 28.11. folgt das Schauspielhaus Salzburg - nach dem Volkstheater am Freitagabend - mit der Dramatisierung des schmalen Bändchens "Wer hat meinen Vater umgebracht".

Um die autobiografische Vater-Anklage zu verorten, verwendet Christina Rast, die am Volx/Margareten in der vergangenen Saison Karl Schönherrs "Weibsteufel" inszeniert hat, zahlreiche Motive aus "Das Ende von Eddy", die laut der Stückeinführung "für die Skizzierung des Herkunftsmilieus von Vater und Sohn unverzichtbar sind". Eine Entscheidung, die den knapp 100-minütigen Abend dramaturgisch deutlich aufwertet, zugleich aber auch die dichte, im "Du" geschriebene Anklage von "Wer hat meinen Vater umgebracht" auseinanderreißt. Denn die Szenen aus "Eddy" lenken den Blick wieder mehr auf den Sohn selbst und seine Erlebnisse in einem sozial schwachen, von Armut und Homophobie geprägten Umfeld, das auch fernab des familiären Kosmos' von einer tristen Kindheit und Jugend zeugt.

Räumlich setzt Bühnenbildnerin Franziska Rast auf ein mittig platziertes Holzgerüst, das die Drehbühne in ein Vorne und ein Hinten teilt: Während im Hintergrund live produzierte Videos für eine Parallelebene auf den drei im Bühnenraum verteilten Bildschirmen sorgen, dominiert vorne ein überdimensionierter Esstisch mit ebenso hohen Stühlen die Szene. Der Vater selbst ist lediglich als riesige, stumme Stoffpuppe in blauer Arbeitsmontur präsent und hat - genauso wie in der Prosa-Vorlage - keine Möglichkeit, sich selbst zu äußern. Der Sohn klagt eben nicht nur den Vater an, sondern liefert die Erklärungen für dessen "toxische Männlichkeit" gleich mit und gibt der Sozialpolitik von Jacques Chirac über Nicolas Sarkozy und Francois Hollande bis zu Emmanuel Macron die Schuld.

Eddy gibt es am Volkstheater dabei gleich fünf Mal: Den Anfang macht Sebastian Pass in einer glitzernden Robe, wenn er an der Rampe Celine Dions "Parler a mon pere" intoniert, während sich im Hintergrund die anderen Eddys positionieren: Birgit Stöger - ebenso wie Julia Kreusch mit Hochsteckfrisur - als rebellischer, von Sozialkritik durchdrungener Eddy, Sebastian Klein als intellektueller, stürmischer Eddie und Peter Fasching als verletzlicher, zurückhaltender Eddy, der um die Aufmerksamkeit seines Vaters ringt. Im Laufe des Abends kehrt das Ensemble alle möglichen Emotionen von Wut über Unverständnis bis hin zum von seiner Herkunft emanzipierten Schriftsteller hervor, der mittlerweile als Aufsteiger gefeiert und als Unterstützer der Gelbwesten kritisiert wird. Das ist ein dichtes Durch- und Nebeneinander, das dem Abend einen atemberaubenden Rhythmus verleiht.

Dabei liefern alle fünf, die auch immer wieder in die Rollen der Mutter, eines Fernsehmoderators oder mobbenden Mitschülern schlüpfen, eine gewaltige Performance ab. Christina Rast ist in ihrer Verschränkung der beiden Texte des heute 26-jährigen Edouard Louis ein mitreißender, wütender, anklagender, nachdenklicher und hoch politischer Abend gelungen, der nicht besser ins Volkstheater passen könnte. Lang anhaltender Jubel beendete den Abend.

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