3. November 2018 09:37

Kultur

Wien Modern im Goldenen: Alte Meister der Neuen Musik

Auch die Neue Musik hat ihre Alten Meister. Die Vorkämpfer der europäischen tonsetzerischen Postmoderne, heute im Seniorenalter, Rebellen, die zum Denkmal geworden sind. Drei von ihnen steuerten gestern, Freitag, Uraufführungen zum Abbado-Gedenkkonzert bei Wien Modern bei. Und es ist der älteste von ihnen, der 92-jährige Friedrich Cerha, der sich dem Denkmalcharakter am kraftvollsten verweigert.

Seine "Drei Situationen für Streichorchester" zeugen vom ungebrochenen Entdeckergeist und der zielsicheren erzählerischen Pranke des österreichischen Kompositionsdoyens. Rhythmisch zugänglich, unternimmt er im lustvoll angeordneten An- und Abschwellen des harmonisch durchwachsenen Klangmaterials eine freudenstrahlende Erkundung der Farbenwelt. Wie ein Wald, durch den der Wind wogt, gibt sich das Holz der Geigenkörper dem Drängen der Klangführung hin. Zwischen "Chaos und Exstase", wie der Abend betitelt ist, moderiert Cerha mühelos.

Das Konzert im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins sollte ein Tribut sein an Claudio Abbado, den Festivalgründer, den Wagemutigen, der Generationen von Komponisten, Musikern, vor allem aber auch Zuhörern geprägt und gebildet hat. In seinem Namen vergab man Kompositionsaufträge an zwei der deutschen Fackelträger der 1970er Jahre - Nicolaus A. Huber und Hans-Joachim Hespos, der eine akademische Größe, der andere Berufsrebell. In ihrer Formensprache klingen die beiden 2016 und 2017 entstandenen Werke dennoch mehr nach Gedächtnisarbeit, denn nach Neulanderoberung.

Hubers "...der arabischen 4 für Orchester" ist eine ziselierte Studie über das Entstehen und Verschwinden des Tones, die am unteren Ende von Hörbarkeit und Gestaltwahrnehmung angesiedelt ist und Elemente wie die menschliche Stimme - in Form von eingespieltem Lachen - in ihre Textur verwebt. Hespos' "tapis fou. Symphonische Szene für Sopran, ImprovisierSchrank und ausgeräumtes Orchester mit Gelegenheitsdirigent" setzt auf bewährt-provokantes Vokabular: Eine Sopranistin ist mit Kreischen und Krächzen beschäftigt, die Orchestermusiker treten unablässig auf und ab, pusten auf die Saiten oder rascheln mit Zeitungspapier - und an der Rampe betätigt ein Solist einen Holzschrank, dem er mittels Klopfen, Streichen, Schubladenöffnen und Küchenequipment ein scheinbar hintersinniges Arsenal an Klängen abverlangt. Das könnte lustig sein, wäre es nicht so bierernst gemeint.

Streng programmatisch umrahmt wurden die drei Uraufführungen durch das titelgebende "Chaos und Exstase", mit der Einleitung zu Haydns "Schöpfung" und mit Skrjabins "Le poeme de l'exstase" als Abschluss. Das ORF Radio Symphonieorchester werkte unter dem 28-jährigen Duncan Ward, der sich als Spezialist für Neues bereits einen internationalen Namen gemacht hat, und erwies sich wie gewohnt als tapferes, präzises Umsetzungswerk, dem die schillernde klangliche Expressivität eines Skrjabin nicht in die Wiege gelegt ist. Viel Applaus für den Jungspund am Pult und für die drei betagten Herren.

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